Koreanische Schrifttafeln.
Reflexionen über die Änderung der Welt
Walter Kuhl
Koreanische Schrifttafeln.
Koreanische Schrifttafeln
aus Metall.
Verlegung zweier Stolpersteine.
Stolpersteine in Darmstadt.
Reichstagsgebäude in Berlin.
Der Reichstag in Berlin.
Kanone in Edinburgh.
Kanone in Edinburgh.
Arc de Triomphe.
Arc de Triomphe in Paris.

Sendemanuskript mit aktuellem Vorwort

Ausradierte Hoffnung. Vor dem 7. Oktober.

Am 7. Oktober 2023 brachen bewaffnete Männer aus dem Umfeld der Hamas und des Islamischen Dschihad aus ihrem Frei­luft­gefängnis in Gaza aus und richteten unter benach­barten über­raschten (meist) israelischen Männern und Frauen ein Blutbad an. Die Antwort der israelischen Armee kam wie erwartet, obwohl: sie kam in einem Maße, wie sie wohl auch die Hamas nicht erwartet hatte. Bis Mitte 2025 wurden weit über 50.000 Menschen in Gaza ermordet und nicht, wie beispiels­weise die Tagesschau in ihrer geframten Sprache meint, einfach nur getötet. Das Ergebnis ist zwar dasselbe, aber die Intention macht den Unter­schied. Wir erleben ein monströses Kriegs­verbrechen, eine ethnische Säuberung, die sich im Einklang mit der deutschen Staats­raison befindet. Die Nach­fahren der Kriegs­verbrecher wissen halt, was ein richtiges Kriegs­verbrechen ist, und suhlen sich darin.

Der nachfolgende Text ist eine leicht redigierte, aber inhaltlich unveränderte Fassung des Sende­manuskripts „Hoffnungs­schimmer“ vom 27. Februar 2006, das ich damals auf Darmstadts Lokalradio vorge­tragen habe. Eigentlich wollte ich einen eigenen, aktuellen Text zum Sterben in Gaza verfassen, weil ich denke, daß diejenigen, die meine Webseite auf­suchen, ruhig wissen dürfen, wie und was ich zu alldem denke. Allerdings wäre ein solcher Text recht aufwendig, weil ich weit in die Vergangen­heit zurück­greifen müßte – und dies einer genaueren Recherche bedarf. Dabei wäre meine Position durchaus leicht zu benennen, aber ich finde es sinnvoll, dazu auch die passenden Belege heraus­zusuchen.

Statt dessen greife ich auf mein damaliges Manuskript zurück. Das ist dies­bezüglich auch interes­sant. Bleibt noch auf die Heulsusen zu verweisen, die mit ihrer Monstranz spazieren­gehen und Empathie für die Getöteten des 7. Oktober einfordern. Dazu ist zu sagen: wenn die selbst­ernannten Antisemitismus­jäger mit ihrer imperialis­tischen IHRA-Antisemitismus­deklaration und/oder die Menschen mit Nazi­hintergrund – was für ein genialer Begriff! – angefangen haben sollten, die israelischen Kriegs­verbrechen auch als solche zu benennen und zu verurteilen, wenn sie genügend Druck auf die Staats­raisons­kriegerinnen ausüben, so daß keine Waffen mehr nach Israel geliefert werden und dann auch noch die Tatsachen offen in den deutschen Medien so kommuni­ziert werden, wie sie sich verhalten, wenn sie anfangen, Empathie für alle die Wegge­bombten und anderweitig ermordeten Menschen in Gaza zu zeigen, dann, und erst dann, rede ich auch über die Toten des 7. Oktober und die in Geiselhaft gehaltenen Israelis. Es wird euch auch nicht gefallen.

Es gibt kein Recht auf Massenmord . Niemals. Egal, was zuvor geschehen ist. Und nach rund zehn­tausend Jahren Patariarchat mit seinem Männer­wahn und seiner zivili­satorischen Gewalt­geschichte sollte auch klar sein: Gewalt gegen Frauen (und Kinder) ist ein absolutes Tabu. Wenn ihr das nicht begreift, seid ihr einfach nur erbärmlich. Doch genug des Vorworts aus aktuellem Anlaß. 

Eine Wahl oder keine Wahl?

Am 28. März [2006] wird in Israel ein neues Parlament gewählt. Neben der Arbeits­partei und dem Likud-Block treten wie immer mehrere religiöse Parteien an. Neu ist die Teilnahme der von Israels schwer erkranktem Minister­präsidenten Ariel Scharon ins Leben gerufenen Bewegung Kadima, mit der er den traditionellen Parteien­konsens und Parteien­dissens sprengen wollte. Ob diese neue Gruppierung ohne Scharon eine Chance hat, bleibt abzuwarten. Aber eigentlich ist es irrelevant. Wahlen sind nun einmal dafür da, das Personal zu bestimmen, welches die Politik des ideellen Gesamt­kapitalisten durchführt. Diese Politik wird – wie überall auf der Welt – nicht von den Wähle­rinnen und Wählern bestimmt. Aber wer bestimmt die Richtlinien in Israel?

Der Staat Israel ist ein besonderer Staat. Dies liegt weniger an der offiziellen Darstellung, wonach er die Garantie dafür sei, daß sich der Holocaust niemals wieder­holen könne. Abseits von dieser Ideologie handelt es sich bei diesem Staat um eine ehemalige Siedler­kolonie, die sich das Land durch Kauf, Raub und Krieg genommen hat. Nun ist dieser Staat ein Faktum, und es ist sinnlos, über die Berechtigung dieses Faktums zu debattieren. Genausogut könnte man und frau über die Berechti­gung der Existenz Deutschlands reden . Allerdings sind die Grund­festen dieses Staates alles andere als stabil. Ohne seine Armee und ohne die massive finanzielle und militärische Unter­stützung durch die USA würde Israel nicht die dominante Rolle im Nahen Osten spielen können, welche das Land derzeit einnimmt.

Das Personal, das am 28. März gewählt wird, wird – in welcher Konstel­lation auch immer – die Politik seiner Vorgänger fortsetzen. Die Frage stellt sich, ob die Politik den Staat Israel damit nicht langfristig an die Wand fährt. Und so gibt es innerhalb wie außerhalb Israels bedeutende kritische Stimmen, die eine Abkehr von der bisherigen Politik der Stärke fordern. Das Überleben des Staates Israel könnte nämlich auch daran hängen, ob es der israelischen Gesell­schaft gelingt, ihre militaristischen Wurzeln zu überwinden und kooperative Lösungen mit der palästinen­sischen bzw. arabischen Umgebung zu finden.

Zwei dieser kritischen Stimmen sind Uri Avnery und Felicia Langer. Uri Avnery ist gewisser­maßen ein Dissident. Der Schriftsteller und Friedensaktivist saß zehn Jahre im israelischen Parlament. Er erlebte den Krieg, welcher die Unabhängig­keit Israels begleitete, als Soldat mit und schrieb hierzu zwei Bücher. Diese wurden im vergangenen Jahr bei Diederichs neu aufgelegt. Felicia Langer hat als Rechts­anwältin palästinen­sische Männer und Frauen vor israelischen Gerichten vertreten, bis sie zu der Einsicht gelangte, daß sie damit eine Farce legitimiere. 1990 emigrierte sie nach Deutsch­land. Der Publizist Hans-Dieter Schütt führte im vergangenen Jahr für den Karl Dietz Verlag Berlin mehrere Gespräche mit der (im positiven Sinn) streitbaren Autorin. Beide Bücher werde ich in meiner heutigen Sendung vorstellen.

Eine andere Stimme aus der Region ist die palästinen­sische Feministin und Schrift­stellerin Sahar Khalifa. Von ihr erschien Ende 2004 der Roman Die Verheißung im Schweizer Unionsverlag. Mit der Autorin führte ich im Herbst 2004 ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse. Und zum Schluß bespreche ich ein Buch über einen arabisch-israelischen Fußball­verein, der einen Ansatz darstellen könnte, die Kluft zwischen jüdischen und arabischen Israelis zu überwinden.

Die reinen Waffen des Krieges

Wie alles begann. So könnte man und frau bei der Neuauflage der deutschen Über­setzung des Buchs In den Feldern der Philister des israelischen Schrift­stellers und Friedens­aktivisten Uri Avnery denken. Denn der 1949 erstmals heraus­gebrachte Band berichtet von den Kriegs­erfahrungen und Reflexionen des idealis­tischen Pioniers, der sich freiwillig zum Kriegs­dienst meldet, als die Unabhängig­keit des Staates Israel verkündet wird.

Buchcover Uri Avnery: In den Feldern der Philister. Das Buch ist eine seltsame Mischung aus Kriegs­tagebuch, Soldaten­romantik, Kampf­bericht und nach­denklicher Betrach­tung des eigenen Tuns. Ursprüng­lich handelte es sich um Artikel für eine Tages­zeitung, mit welchen der israelischen Bevölke­rung der Heldenmut, die Opfer und die Erlebnisse an der Front nahe­gebracht werden sollten. Doch schon nach einigen Monaten stellt der junge Uri Avnery etwas fest, was ihm überhaupt nicht gefällt. Während nicht wenige Soldaten voller Idealismus das junge Heimat­land zu verteidigen trachten, geht das Leben im bedrohten Tel Aviv weiter, so als wäre nichts geschehen. Dabei stehen die ägyptischen Truppen nur 20 Kilometer vor den Vororten der Hafenstadt und die junge israelische Armee ist hinsichtlich Ausrüstung und Mann­schafts­stärke hoffnungs­los unterlegen.

Den damaligen Zeit­genossen war nicht klar, daß der Krieg gewonnen werden konnte. Denn die israelische Seite war besser organisiert, während die Araber unter­einander zerstritten waren und für Ziele kämpften, welche die Massen nicht richtig mobilisieren konnten. Auf beiden Seiten kam es zu dem, was wir heute ethnische Säuberungen nennen, nur daß eben die Israelis durch ihre territorialen Gewinne mehr Gelegen­heit zum Säubern bekamen. Während die Israelis die erfolgreiche Etablierung ihres Staates auf arabischen Boden feiern konnten, betrachteten die Palästi­nenser das Ergebnis dieses Krieges als Katastrophe. Die ersten Flüchtlings­lager entstanden, und sie stehen noch heute.

Doch Uri Avnery haßte schon damals die Araber nicht. Er war von der Notwen­digkeit eines Krieges überzeugt, der viele Opfer kosten würde und dem auch er zum Opfer hätte fallen können. Seine verschrift­lichten Kriegs­erlebnisse wurden zu seinem eigenen Erstaunen ein Bestseller. Er hatte offen­sichtlich den Nerv der Gesell­schaft getroffen. So heroisch wollte man (und frau) sich selbst sehen. Die Kehrseite der Medaille hingegen wurde verdrängt.

Diese Kehrseite der Medaille ließ dem jungen Uri Avnery jedoch keine Ruhe. Er hatte zuviel gesehen und erlebt. Dörfer, die erobert wurden, indem man den Arabern die Wahl zwischen Massen­flucht und Massen­erschießung ließ. Alte Dorf­bewohnerinnen, die nicht fliehen wollten, und die aus purer Lust am Töten erschossen wurden. Kinder, welche die Herden bewachten und die den schnellen Eingreif­truppen der jungen Armee in die Hände fielen – und dies nicht über­lebten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ähnliche Greuel­taten auch auf der arabischen Seite gegeben hatte. Entscheidend ist: was für eine Gesell­schaft entsteht auf dem Boden von Blut, Mord und Gewalt? Dies ist die Frage, die Uri Avnery in seinem zweiten Buch Die andere Seite der Medaille 1950 aufwarf.

Wurde er noch für sein erstes Buch über­schwenglich gelobt, so wurde er für die Veröffent­lichung der ganzen Wahrheit verdammt. Es bedurfte mehrerer Jahr­zehnte, bis zumindest Teile der israelischen Gesell­schaft bereit waren, den heroischen Gründungs­mythos in Frage zu stellen. Denn die Gründung des Staates Israel ist auch eine Geschichte von Vertreibung, Verge­waltigung, Liquidierung, Plünderung und Massen­mord. Wie eben jeder Krieg. Der israelische Gründungs­mythos lautet jedoch: Unsere Armee ist rein.

Vielleicht kann eine auf Gewalt gegründete Gesellschaft nur mit Selbstbetrug überleben.

Uri Avnery
In den Feldern der Philister
Diederichs Verlag 2005
429 Seiten, damals € 28,00

Zur Geschichte der Unabhängig­keit gehört auch die Vorge­schichte des Kampfes verschiedener Fraktionen des jüdischen Wider­standes gegen die britische Mandats­besatzung und die arabische Bevölkerung – eines Kampfes unter­einander. Den Keim, den diese Gewalt gelegt hat, beschreibt Uri Avnery 1950 so:

„Töten – die Lösung für alles. Wenn du dich an den Gedanken gewöhnst, dass du für die Heimat töten darfst, kennst du auch keine anderen Grenzen mehr. Du beginnst mit dem Töten der Araber – den »Feinden«, den »Wilden aus der Wüste«, »Eindringlingen«, »Bandenmitgliedern«, »Untermenschen« – und dann verstehst du nicht mehr, warum du keine Juden umbringen darfst, die deiner Meinung nach der Heimat schaden. Am Ende bist du bereit, jeden umzubringen, der nicht deine Meinung teilt.

Und wenn man töten darf, darf man natürlich auch verge­waltigen. Denn Verge­waltigung ist ja nicht ganz so schlimm wie Mord. Und wenn du anfängst, Araberinnen in eroberten Dörfern zu missbrauchen – und die Gesell­schaft lächelt darüber und zwinkert dir zu –, dann darf man natürlich auch stehlen. Und wenn man von Arabern stehlen darf, warum nur von Arabern?“ 

Uri Avnery weiß, wovon er spricht. Schon bei der ersten Eroberung eines arabischen Dorfes wurde geplündert. Geraubte Kriegs­andenken aller Art erfreuten sich großer Beliebtheit. Müssen wir uns wundern, wenn diese Heldentaten auf die eigene Gesell­schaft zurückwirken?

Der Autor ist eine der Stimmen des anderen Israel, die keinen Frieden auf der Basis der Kapitulation fordern, sondern auf Verständi­gung und Verständnis setzen. Wie genau der Autor abzuwägen weiß, mag ein Interview aus dem Neuen Deutschland vom 28. Mai 2005 belegen. Dort sagt er:

„1948 war die Situation so, dass wir kämpfen mussten, die andere Seite aber auch. Ich war gegen diesen Krieg, bevor er ausgebrochen ist. Ich war schon damals Friedens­aktivist, habe ein paar Wochen vor Kriegs­beginn eine Broschüre veröffent­licht, in der ich über einen möglichen Frieden und Zusammen­arbeit zwischen beiden nationalen Bewegungen, der Araber und der neuen Hebräer, nach­dachte. Als der Krieg ausbrach, haben beide um ihre Existenz gekämpft. Deshalb war es auch so ein verzweifelter Krieg. Es gibt keinen Zweifel, wir mussten ihn gewinnen. […] Sonst wäre uns das passiert, was der anderen Seite passiert ist: 700.000 Palästi­nenser wurden Flücht­linge, daraus sind vier Millionen geworden.“ 

Und er sagt deshalb auch, er sei zwar Friedens­aktivist, aber kein Pazifist. Denn er weiß darum, daß es gerechte Kriege, wie etwa den Krieg gegen Hitler, gibt. Der Frage, ob der Krieg von 1948/49 gerecht war, weicht er jedoch aus. Vielleicht ist diese Frage auch nicht so einfach zu beantworten. Umso mehr ist dies auch als Aufforderung zu verstehen, das Buch selbst zu lesen.

Das Gewissen der schwarzen Blume

Eine weitere Stimme dieses anderen Israel lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr dort. Felicia Langer, jüdische Rechts­anwältin, ehemalige Kommunistin, wanderte 1990 nach Deutsch­land aus. Ausge­rechnet nach Deutsch­land, ist man (und frau) geneigt zu sagen. Aber Tübingen muß ihr sehr gut gefallen haben, dort, wo ihr Sohn lebt. So recht kann ich es nicht verstehen, denn ich habe selbst vierzehn Jahre in dieser Stadt gelebt. Für mich hat Tübingen etwas von Spielzeug­stadt, eine Nische in der großen weiten Welt globaler Plünderung. Aber soll ich ihr vorhalten, daß sie sich dort wohlfühlt, daß sie dort nach all den aufreibenden Jahren Ruhe findet?

Buchcover Schütt Langer. Felicia Langer hat als Rechts­anwältin nicht nur für die Rechte ihrer palästinen­sischen Mandan­tinnen und Mandanten gekämpft. Sie kam zu der Einsicht, daß es nicht ausreicht, vor ignoranten Richtern Recht einzufordern, wo es doch gar nicht um Recht, sondern um Macht und Politik ging. Und so fing sie an zu schreiben. In mehreren Büchern ließ sie uns seither teilhaben an ihrem Kampf für Menschen­rechte in einem Land, dessen Besatzungs­politik kaum Platz für Menschen und ihre Rechte kennt.

Nun ist es ja nicht so, daß die jüdischen Israelis gänzlich uninformiert wären. So – wie wir hierzulande auch – können sie sehr wohl der Wahrheit ins Auge schauen. Israelische Zeitungen berichten durchaus über die Praxis der Besatzer. Allein – offen­sichtlich verschließt eine Mehrheit bewußt die Augen, um das Elend nicht sehen zu müssen. Ob sie sich dann auch selbst in die Augen schauen müßten?

Der Publizist Hans-Dieter Schütt hat mit der streitbaren Menschen­rechtlerin ausführ­lich über ihr Leben und ihre Ansichten gesprochen. Heraus­gekommen ist hierbei ein fast zweihundert Seiten kleiner Band, der letzten Herbst im Karl Dietz Verlag Berlin heraus­gekommen ist. Es ist ein Band, bei dem der Interviewer nachbohrt, aber respekt­voll nachbohrt. Und doch will er genau wissen, was eine Jüdin dazu bringt, sich bedingungs­los für die Sache der Palästi­nenser einzusetzen. Eines wird hierbei deutlich: trotz aller Anfein­dungen und Schwierig­keiten, mit denen sie sich in ihrer Arbeit konfrontiert sah, betrachtet sich Felicia Langer nicht als Opfer. Denn sie weiß, das sie im Vergleich zu vielen anderen Menschen im Luxus lebt. Auf die Frage, was sie damit meint, sagt sie:

„Dass ich es nicht bin, die hinter einer Kaufhalle nach essbaren Resten sucht. Dass ich es nicht bin, die in einem Lager lebt. Dass ich es nicht bin, die hungert. Das ist Luxus, unverdienter Luxus.“ 

Was sie umtreibt, ist ihr Gewissen. Als israelische Staats­bürgerin kann sie nicht zusehen, wie Israelis mit ihren arabischen Nachbarn umgehen. Sie wurde Juristin, um zu helfen, um einzugreifen, vielleicht auch, um etwas zu bewirken. Aber sie war mehr als das:

„Ich war nicht nur Anwältin, ich war Sozial­arbeiterin, ich war Trösterin, ich war Erzählerin.“ 

Unvermeidlich die Frage nach ihrer Position zu palästinen­sischen Selbst­mord­attentaten:

„Ja, Menschen sind bereit zu sterben. Man kann diese furchtbare Bereit­willigkeit, das eigene Leben zu opfern und Unschuldige mit in den Tod zu reißen, nur durch eines ändern. Der palästinen­sische Dichter Mahmud Derwisch hat es so ausgedrückt: ‚Das Problem der neuen Beziehung der Palästinenser zum Tod kann nur gelöst werden, wenn man ihnen die Pforte zum Leben öffnet.‘ Sie haben keine Raketen, sie haben keine Flugzeuge, sie haben keine Hubschrauber, sie haben keine Bomben. Sie haben nur den Körper, und mit dem handeln sie auf entsetz­liche Weise. Das ist schreck­lich, und ich sage es noch einmal: Ich verabscheue es. Aber man muss wissen, woher das kommt. Wenn man die Ursachen nicht bekämpft, wird der Terror weiter­gehen und sich ausbreiten.“ 

Und doch frage ich – warum müssen ausgerechnet diejenigen die palästinen­sische Gewalt verteidigen, die auf eine friedliche, kooperative Lösung drängen? Warum werden die Kriegs­führenden und ihre Unter­stützer nicht gefragt, wie sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren können? Gibt es hier eine Definitions­macht, wessen Macht ist es? Warum gilt das eine Handeln als legitim, das andere aber nicht?

Hans-Dieter Schütt spricht mit Felicia Langer aber auch über andere Facetten ihres Lebens. Wer hat schon einmal etwas von der psycho­somatischen Gesundheit gehört? Felicia Langer kennt sie genau. Und sie erzählt über die schikanösen Nichts­nutzig­keiten der israelischen Militär­justiz, der sie das Tragen einer schwarzen Blume abtrotzen mußte.

„Die wollten mich sehr hässlich sehen. Gedrückt. Mühevoll schwitzend. Ausgelaugt. Ich galt als Objekt. Aber dieser Wille zu einem kulturvollen Äußeren gehörte schon immer zu meinem Leben. Ich habe gesehen, wie das meine Gegner nervte, wenn ich gut und auffällig anders gekleidet zu den Terminen und Prozessen kam. Frauen, die als Rechts­anwältinnen tätig waren, trugen entweder Krawatten oder eine Fliege. Ein Spiegel der totalen Vermänn­lichung auch des Justizwesens. Das hat mir nun gar nicht gefallen.

[…] Natürlich wurde sofort versucht, ein Problem daraus zu machen: Frau Langer ist nicht vorschrifts­mäßig gekleidet. Von da an schienen die mich zu begutachten, als seien wir in einem Striptease-Club; naja, ich muss schon zugeben, ich habe sie alle mächtig gereizt. Aber es war nicht vorder­gründige Provokation, es war Selbst­achtung. Ich habe nicht nur für meine Mandanten gekämpft, ich habe auch für diese Blume gekämpft. Man kann sagen: Mein Gott, das ist doch blöd – sie kämpft gegen Folterungen, gegen Vertreibungen, gegen Mörder und Landdiebe, und dann hat sie noch Kraft für so eine Blume. Ja, ich habe für diese arme Blume gekämpft, und ich setzte sie durch. 

Hans-Dieter Schütt
»Nicht gegen mein Gewissen«.
Gespräche mit Felicia Langer
Karl Dietz Verlag Berlin 2005
187 Seiten, damals € 9,90

Ich kann mir gut vorstellen, wie das diesen Apparat genervt hat. Deutsche Gerichte sind da nicht besser. Doch zu ihren Plädoyers kamen ihre juristischen Gegner dennoch. Das waren keine herunter­geleierten Standard­phrasen, sondern spannende Argumentations­gänge. Natürlich hat ihr das wenig genutzt, ebensowenig wie ihren MandantInnen, und ihre Gegner vor Gericht zogen ihre Prozesse dennoch knallhart durch.

Felicia Langer, 1930 in Polen geboren, flieht mit ihrer Familie vor den Nazis in die Sowjetunion. Ein barbarisches Leben in der Fremde. Sie kehrt nach dem Krieg zurück, lernt ihren Ehemann Mieciu kennen, der fünf faschistische Konzentrations­lager überlebte. Sie emigrieren 1950 nach Israel, finden sich in der Jubel­stimmung nach dem Unabhängig­keits­krieg jedoch nicht wieder. Felicia Langer sieht das Elend der besiegten arabischen Bevölkerung, wird Mutter eines Sohnes, studiert, wird 1965 Anwältin, läßt sich nach dem 6-Tage-Krieg in Jerusalem nieder. 1990 schließt sie ihre Kanzlei und wandert nach Deutschland aus.

Eine bemerkens­werte Frau; und deshalb ist es auch zu begrüßen, wenn sich Hans-Dieter Schütt ihr auf eine einfühlsame Weise nähert. Ob er sie wirklich verstanden hat, bezweifle ich. Aber es ist ein inter­essantes Zeit­dokument, das hoffen­tlich geistigen Appetit macht auf ihre Bücher und die Auseinander­setzung mit dem darin Beschrie­benen. Denn sie ist und bleibt eine kompro­mißlose Verteidigerin der palästinen­sischen Sache. 

Wo die Hoffnung erschossen wird

Ende der 80er Jahre habe ich das Buch Die Sonnenblume von Sahar Khalifa in die Hände bekommen und war beeindruckt von einer palästinen­sischen Autorin, die über die Befreiung von Frauen schrieb. Ein wichtiges Ziel für ihre Gesell­schaft, wie ich schon damals fand. Doch wie stellt sich die Situation für Frauen in Palästina heute dar? Ich sprach mit der feminis­tischen palästinen­sischen Schrift­stellerin im Oktober 2004 auf der Frankfurter Buchmesse bei der Präsentation ihres jüngsten Romans Die Verheißung. Mein schreckliches Englisch mute ich euch nicht zu, aber die Antworten von Sahar Khalifa, finde ich, sind sehr wohl hörenswert. 

O–Ton Sahar Khalifa

„Well, now the conflict between the fundamen­talist and modernized women like me is getting harder and harder. You know, thirty years ago or twenty-five years ago you couldn't find a fundamen­talist woman in the street. At that time you could have never found a woman with the islamic clothing. It's all very recent, very new. It's after the defeat, and the more defeat we have, the more poverty we have, the more depression and oppression we have, the more people try to find refuge with God. Because the Islamists tell them that nationalism has failed to bring you a solution, and socialism has failed to bring you a solution. The one who is governed to solve your problems is God. So why don't you follow us? People who … [?] education and simple minded people usually believe this. And they follow Islam blindly.

Well, we have enlightend Islam, but this type of Islam which threatens women and threatens develop­ment of society this is really very new. And now the situation of women – you find women who are following Islam and women who are modernized like me. But the conflict is getting more and more and more. And the more we have education and the more we have defeat. One one hand we have more education, so women like me get more powerful. And we have more defeat and poverty, and women who follow Islam become even larger. So the conflict is getting harder and harder and harder. 

Ich sprach sie auf die beiden von ihr mitge­gründeten Frauen­zentren in Nablus und in Gaza an, in denen sie viele Jahre versucht hat, das Bildungs­niveau und die Emanzi­pation der palästinen­sischen Frauen zu fördern. Und als sie bemerkte, sie habe sich aus der Arbeit in den Zentren zurück­gezogen, fragte ich sie nach den Gründen.

O–Ton Sahar Khalifa

„Now, after sixteen years working in those centers I decided that I have to be a full-time writer. I stopped working for those centers. But of course I'm still very active with those centers, and I will never forget what I have thought it [?].“

„No, it's I felt that I have given women's studies so much. And it's becoming more and more responsi­bility. This gives me little time to dedicate it to my literature. Being more and more successful, to tell you the truth, I feel that I'm more and more responsible of doing something which is bigger than just the women's issue. It's something which can last for long and long. This is literature. It goes along ages. I am getting older, to tell you the truth, this is also an aspect. And I believe there aren't many women who can write good literature and successful literature that can reach so many people whether within the Arab world or outside the Arab world. But you can find younger women who are not as talented who can give a lot of their time and maybe all their time to this dimension. Now I have given a lot from my time to women's issues and of course I will continue writing about these issues.“

Sahar Khalifas Buch Das Erbe, das an die enttäuschten Hoffnungen des Oslo-Prozesses anschließt, endet in völliger Konfusion und Verzweiflung. Beschreibt sie hierin auch die Situation palästinen­sischer Frauen, die keine Perspektive mehr haben, oder gibt es doch noch einen Hoffnungs­schimmer, den wir nur nicht sehen?

O–Ton Sahar Khalifa

Buchcover Sahar Khalifa: Die Verheißung. „The end is the conflict with the Israelis, right? So, if you are asking me about how I view the conflict with the Israelis I find that we are in a vicious circle. A vicious circle, endless violence on both sides, and Israel has the upper hand of course because it is backed by America all the time, having their weapons from America, being, of course, pitied and sorrowed for by the Europeans. I find that if Israel was less harsh, if Israel wanted less land …

Because Israel is trying to expand more and more, grabbing more water, grabbing more land, not being satiesfied with the border of '67. Can you imagine yourself in my place? The Palestinians have all Palestine for themselves for thousands of years. And originally we were Hebrew ourselves, we were Jews ourselves. And later on we were converted to Christianity and later on we were converted to Islam. So in this particular region nobody knows whose origin is this whether Christianity or Judaism or Islam. So it's a mess.

I have very pessimistic view about the situation. But for women we are still fighting, we are still doing our best to modernize our women, to educate them more, to have better education, to have better jobs, to have more decision making on the part of women towards our nation. And it's working. Now we have so many women who are educated, and so many women who are aware. When you read Sunflower at that time twenty years ago when I published that book almost everybody was against me, almost, even women, even conscious women. But now so many women are like me, thousands, even millions. So, this is the situation of women.

 

Ich sprach Sahar Khalifa auf eine Szene in ihrem Roman Die Sonnenblume an, in der die weibliche Haupt­person Rafif ohne Rücksicht auf die Verkehrs­ampeln die Straße überquert und auf die Vorhal­tungen ihres männlichen Beschützers sagt:

„Das grüne Licht ist Augen­wischerei und ein Komplott. Sie wollen uns doch nur hindern, schnell zu gehen, damit sie ihre Ziele durchsetzen. Den Rest überlassen sie den Fußgängern. 

O–Ton Sahar Khalifa

„Of course, we don't like to have limitations for women's liberation. Because once you put limits then what's this? This is not liberation. Women are learning from their mistakes, from the historical mistakes, and historical crimes that were committed against women. I don't tell you that the situation is good now in the Arab world. Otherwise we don't need to fight. But this is the center of the fight, we are in the middle of the fight. We need all the help, we need all the encouragement whether from our society or from friendly society like yours. WE NEED HELP. And in order to make this society less … less what? … fundamen­talist. Women have, I mean educated women, modernized women, women in our society they are a very good factor, an enlightning factor and a smoother factor, a factor that makes life more humane, more tender, more loving, more aesthetic. So this is what we are working for. To have more women who are involved in everyday life and on leadership levels.

Der jüngste auf Deutsch übersetzte Roman von Sahar Khalifa heißt Die Verheißung. Es ist ein Roman, der mehrere Jahr­zehnte über­spannt. Ibrahim, der Ich-Erzähler des Romans, verknallt sich unsterblich in eine christlich erzogene Araberin. Boy meets girl, möchte man meinen, das übliche eben. Und so üblich die Geschichte beginnt, so wird sie doch unter­brochen von den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1967. Israel besetzt das West­jordan­land und Ibrahim muß sich entscheiden zwischen seiner Liebe zur inzwischen schwangeren Mariam und dem revolu­tionären Kampf. Na, was wird er wohl tun? Ibrahim zieht die männlichen Illusionen in Gewalt und Befreiung einer anstren­genden Beziehung vor, die er ganz offen­sichtlich nicht auf die Reihe kriegt. So verlieren sich die beiden aus den Augen.

Sahar Khalifa
Die Verheißung
Unionsverlag 2004
253 Seiten, damals € 19,90

It was my pleasure to meet you.

Jahrzehnte später. Längst ist Ibrahim ein reicher Unternehmer geworden, doch sein Gewissen regt sich. Er erfährt von einem Sohn, einem Erben, den er haben soll, und so sucht er sowohl diesen wie auch die Mutter – Mariam. Wir landen mitten im palästinen­sischen Alltag und erleben mit, was Ibrahim finden wird. Es wird ihm nicht gefallen.

Nun ist die Geschichte viel­schichtiger als eine alberne Liebes­romanze. Es geht nicht nur um die Suche nach dem Sohn und Erben und der ehemaligen Geliebten. Der Roman handelt genauso von der Suche nach einer Identität in einer Region mit drei Religionen, von einer Suche, in der Jerusalem eine besondere Bedeutung besitzt.

Ein Gebet, das nicht gezeigt werden darf

Eine Gesellschaft, die sich mit Ariel Scharon einen Kriegs­verbrecher zum Minister­präsidenten wählt, in der Hoffnung, hierüber endlich Frieden zu erlangen, handelt nur bedingt inkon­sequent. Frieden kann vielerlei bedeuten, es kommt immer auf die Bedingungen an.  Doch Krieg findet nicht nur in den besetzten Gebieten statt, sondern auch auf den Fußball­plätzen der ersten israelischen Liga. Der Spruch Tod den Arabern gehört zum guten Ton, und wenn die Nivchéret, die National­mann­schaft Israels, vor voll­besetzten Rängen spielt, dann lauten die Schlacht­rufe allen Ernstes Rache und Krieg. Ob dies nun Ausdruck einer seit Jahr­zehnten durch Gewalt regierten Gesell­schaft ist oder ein Teil ganz normaler Fankultur, sei dahin gestellt.

Buchcover Roger Repplinger: Die Söhne Sachnins. Arabische Teams haben es auf israelischen Fußball­plätzen schwer. Einzelne arabische Spieler fanden zwar ihren Platz in israelischen Teams, aber es dauerte bis 1997 , ehe ein arabisches Team erstmals in Israels erste Liga aufstieg – um gleich wieder abzusteigen. Die Sensation fand am 18. Mai 2004 statt, als ein kleiner Verein aus dem Norden Israels die Hack­ordnung im dortigen Fußball­geschäft durch­einander brachte und den hohen Favoriten Hapoel Haifa im Pokalfinale mit 4:1 besiegte. Der Verein heißt Hapoel Bnei Sachnin, und von diesem Verein und seiner Bedeutung für das jüdisch-arabische Zusammen­leben in Israel handelt das letzten Herbst im Bombus Verlag erschienene Buch Die Söhne Sachnins des Sport­journalisten Roger Repplinger.

Um es vorwegzu­nehmen – es ist ein eher ungewöhn­liches Buch über den Fußball. Aber es ist eben auch eine ungewöhn­liche Geschichte. Sachnin ist eine Kleinstadt mit 25.000 Einwohne­rinnen und Einwohnern; doch der Fußball­club dieser kleinen Stadt dürfte die größte Anhänger­schaft im ganzen Land haben. Der Verein Hapoel Bnei Sachnin ist ein arabischer Fußball­verein, und es spielen in ihm neben­einander Araber, Juden und Christen – Israelis und Ausländer. Und was in der israelischen Gesell­schaft nicht funktioniert, lebt der Verein vor. Zusammen leben, zusammen arbeiten, zusammen spielen. Die Mannschaft spielt jetzt in ihrer dritten Spielzeit in Israels höchster Liga und steht derzeit auf einem Abstiegs­platz. Aber die Saison dauert noch drei Monate, da kann noch viel geschehen.

Nun dürfen wir uns hierunter nicht die heile Welt, umgeben von Chaos und Gewalt, vorstellen. Die Fans von Bnei Sachnin sind ganz normale Fans und einige von ihnen benehmen sich deshalb auch einmal voll daneben. Diese Fans kommen aus dem Norden und der Wüste im Süden, sie nehmen Hunderte von Kilometern Anfahrt auf sich, nur um ihren einzig­artigen Club anzufeuern. Denn Bnei Sachnin steht auch dafür, daß die arabischen Underdogs der israelischen Gesell­schaft ab und zu einmal vormachen, daß sie keine Menschen 2. Klasse sind.

Wie wenig heil diese Welt ist, zeigt sich auch dort, wo innerhalb des Vereins bewußt nicht über Politik gesprochen wird, oder auch dort, wo der jüdische Trainer der Mann­schaft mit einem afrikanischen Spieler hand­greiflich aneinander gerät. Es ist eben auch ein ganz gewöhn­licher Verein mit ganz gewöhn­lichen Problemen ganz gewöhn­licher Menschen. Aber er steht aufgrund seiner Bedeutung auch im Fokus der israelischen Medien.

Der in Israel und der umliegenden arabischen Welt bekannteste Spieler von Bnei Sachnin ist Abbas Suan, der es auch zum National­spieler gebracht hat. Israels National­mann­schaft konnte sich lange Zeit reelle Hoffnungen auf die Teilnahme an der Fußball-Welt­meister­schaft 2006 machen, und Roger Repplinger schildert uns deshalb in epischer Länge das Heimspiel gegen Irlands Nationalelf, das durch ein Tor des Auswechsel­spielers Abbas Suan in der 90. Spiel­minute noch unent­schieden endete.

Selbst dieses Tor zeigt die Realitäten der israelischen Gesell­schaft schonungs­los auf. Das Tor ist erwünscht, der Torschütze nicht. Abbas Suan läuft nach seinem wichtigen Tor nicht über das Spielfeld, er hat unter seinem Trikot keinen Dank an Jesus versteckt, was zum gern gezeigten Ritual nicht nur in der Fußball-Bundesliga gehört.  Nein, Abbas Suan kniet nieder und berührt mit seiner Stirn den Rasen. Er betet und dankt Gott für dieses Tor. Das israelische Fernsehen zeigt in den folgenden Tagen dieses ungemein wichtige Tor dutzendfach, doch der betende Abbas Suan wird heraus­geschnitten, zensiert. Allenfalls gibt es eine Andeutung, er habe den Rasen … geküßt. Die Definitions­macht über die Wirklich­keit liegt bei den Medien, und die Medien wissen, wem sie gehören.

Roger Repplinger hat im vergangenen Jahr drei Reisen nach Israel unternommen, um dem Phänomen Bnei Sachnin auf die Spur zu kommen. Heraus­gekommen ist eines der besten Fußball­bücher, die ich kenne. Denn der Autor erzählt uns nicht stur von den Erfolgen und Mißerfolgen einer Mannschaft, sondern zeigt das soziale und politische Umfeld dieses außer­gewöhnlichen Vereins auf.

Viel mehr, als wir dies aus gängigen Reportagen in Zeitschriften oder im Fernsehen verfolgen können, können wir den Schilderungen entnehmen, aus denen sich der Autor selbst nicht heraus­nimmt. Er läßt uns teilhaben an seinem eigenen Erkenntnis­prozeß, an seinen Erfahrungen im Umgang mit Land und Leuten. Dabei läßt er die Fett­näpfchen nicht aus, in die er zielsicher getappt ist. Einblicke in das Leben und Denken der arabischen Menschen vermitteln neben unvermeid­licher Kultur­exotik auch ernsthafte und wichtige Hinter­gründe. Vielleicht ist es nicht zuviel gesagt, wenn wir hieraus auch eine Ahnung über die realen Gewalt­strukturen im Staat Israel erhalten. Und deshalb wird es uns möglich nachzu­vollziehen, weshalb ein ordinäres Spiel mit einem runden Ball für eine ganze Gesell­schaft bedeutsam werden könnte. Aber es ist zu befürchten, daß diese Gesell­schaft hierfür noch nicht reif ist.

Roger Repplinger
Die Söhne Sachnins
Bombus Verlag 2005
495 Seiten, damals € 19,90

Doch was, wenn Bnei Sachnin tatsächlich absteigen sollte? Roger Repplingers dritte Reise fand im Mai und Juni 2005 statt – und der Klassen­erhalt des Vereins stand auf der Kippe. Erst im letzten Spiel wurden die drei wichtigen Punkte eingefahren. Bnei Sachnin steht eben nicht nur für den Erfolg des arabischen Sektors der israelischen Gesell­schaft, sondern beim Scheitern erst recht für den Mißerfolg. Jeder Spieler, der Trainer und der Vereinschef – sie alle müssen in Interviews jedes Wort auf die Goldwaage leben. Denn anders als andere Vereine werden sie als Repräsentant von über einer Million Araberinnen und Arabern wahrge­nommen; jede negative Äußerung fällt auf den gesamten arabischen Sektor zurück.

Und wo andere Vereine mit der einen oder anderen Schiedsrichter­entscheidung hadern und sich verschaukelt fühlen, so gewinnt dies bei dem ungeliebtesten und finanz­schwächsten Verein der Liga eine ganz besondere Bedeutung. Roger Repplinger beschreibt ein Spiel der Frauen­mann­schaft [okay, das ist jetzt ein Widerspruch in sich] des Vereins, wie eine Schieds­richterin diese systematisch benach­teiligt und wie der israelische Fußball­verband sich anschließend weigert, den Namen der angeblich Unpartei­ischen heraus­zurücken. Die Erstliga­mannschaft von Bnei Sachnin spielt zudem einen modernen, sprich: körper­betonten Fußball – und jedes Foul wird als Gewaltakt des unter­drückten Teils der Gesell­schaft betrachtet, als typisch arabische Gewalt.

Im großen und ganzen, so der Autor, fallen diese Vorurteile von Schieds­richterinnen und Schieds­richtern jedoch nicht ins Gewicht. Er hätte dennoch vielleicht hinzufügen sollen, daß auch Israels Fußball vor vier Jahren von einem Fußball­wett­skandal erschüttert wurde, und die israelische Tages­zeitung Ha'aretz zitierte einen anonym gehaltenen Fußball­spieler, daß so manches Spiel der ersten und zweiten Liga verwettet wird.  Wenn also die Fans von Bnei Sachnin Schiebung bei Spielen der direkten Abstiegs­konkurrenz vermuten, dann sollte der Autor dies nicht so leichtfertig abtun. Dennoch hat Bnei Sachnin jetzt zweimal den Klassen­erhalt geschafft – und das ist mehr, als jede arabische Mannschaft in den vergangenen fünf Jahr­zehnten erreicht hat. 

Ein Hoffnungsschimmer – mehr nicht.

Ein wenig Statistik

Im Anschluß an die Hörfunk­sendung habe ich für die Publikation des zuge­hörigen Manuskripts auf meiner Webseite folgende Tabelle begonnen und seither jährlich fort­geschrieben. Im Internet kursieren mitunter fehler­hafte Angaben, auch in der Wikipedia. Ein arabisch-palästinen­sicher Fußball­verein hat es in Israel traditionell schwer, erst recht nach dem 7. Oktober 2023. Es isr eher erstaun­lich, daß Sachnin in diesem feind­lichen Umfeld [2025] noch nicht abge­stiegen ist.

 LigaPlatzSpielePunkteToreBemerkung
1996/97A (3)????Aufstieg in die 2. Liga.
1997/9829303843:41Spiel gegen Hapoel Taibe aufgrund von Zuschauer­ausschrei­tungen mit 0:0 Toren und 0 Punkten gewertet.
1998/9929304356:35 
1999/200024365051:49Soccerway gibt 50:49 Tore an.
2000/0127385145:43Davon fünf Spiele in der Abstieg­srunde. 2 Punkte Abzug wegen Verstosses gegen finanzielle Auflagen.
2001/0226334132:41 
2002/0322335836:25Aufstieg in die 1. Liga.
2003/04110333531:38Israelischer Pokal­sieger und UEFA-Cup-Qualifikation.
2004/05110333640:51 
2005/06112332528:54Abstieg in die 2. Liga.
2006/0722336054:29Aufstieg in die 1. Liga.
2007/0814335535:29Qualifiziert für UI-Cup.
2008/0919333326:41 
2009/10173341+631:31Nach Ende der regulären Saison wurden die Punkte halbiert. Bnei Sachnin spielte in den bedeutungs­losen Mittel-Playoffs (Platz 7 bis 10) und gewann dort zwei der drei Spiele.
2010/111133525+1025:44Nach Ende der regulären Saison wurden die Punkte halbiert. Bnei Sachnin spielte in der Abstiegs­runde und rettete sich vor der Rele­gation erst durch ein Tor im aller­letzten Spiel in der 85. Minute gegen den Erzfeind Beitar Jerusalem.
2011/1218375060:53Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison Dritter mit 47 Punkten und 49:35 Toren. 2 Punkte Abzug aufgrund vertrag­licher Unregel­mäßig­keiten.
2012/13112333731:49Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison eben­falls Zwölfter mit 26 Punkten und 25:45 Toren.
2013/1416364737:47Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison Fünfter mit 40 Punkten und 30:25 Toren. Als es in der Final­runde für Sachnin nichts zu gewinnen gab, wurden dort 7 von 10 Spielen verloren.
2014/1517334443:44Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison Neunter mit 30 Punkten und 32:37 Toren.
2015/1615364846:40Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison Fünfter mit 36 Punkten und 32:25 Toren.
2016/1715364832:46Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison Vierter mit 39 Punkten und 26:26 Toren.
2017/18111333832:47Bnei Sachnin war nach Ablauf der regulären Saison Neunter mit 30 Punkten und 24:35 Toren.
2018/19114332727:50Bnei Sachnin war schon bei Ablauf der regulären Saison Letzter, mit 21 Punkten und 21:39 Toren.
2019/2022376760:32Bnei Sachnin verlor nach einer drei­monatigen Corona-Pause die beiden aus­stehenden Spiele der regulären Saison; ein Aufstiegs­platz lag in weiter Ferne. Zwischen­stand: Vierter mit 48 Punkten und 46:30 Toren. Doch von den sieben Spielen der Aufstiegs­runde gewann man sechs und spielte das siebte remis. Das reichte, bei schwä­chelnder Kon­kurrenz, letztlich locker zum Wieder­aufstieg.
2020/21112333422:45Die reguläre Saison beendete Sachnin als Elfter mit 29 Punkten und 15:36 Toren. In der Abstigs­runde verlor Sachnin zwar die letzten vier Spiele, aber der Abstand zu den beiden Absteigern war ausreichend groß.
2021/2216364933:43Die reguläre Saison beendete Sachnin als Vierter mit 42 Punkten und 28:29 Toren. Das vorletzte Spiel der Meister­schafts­runde gegen Makkabi Haifa wurde mit 0:3 gewertet. Aufgrund von vorherigen Fanaus­schreitungen war das Spiel nach Petach Tikwa verlegt worden. Sachnin konnte dort kurzfristig keine ausrei­chende Anzahl von Ordnern einkaufen, so daß das Spiel aus Sicherheits­gründen abgesagt wurde. Fanaus­schreitungen scheinen (auch) in Israels Fußball ein beliebter Männer­sport zu sein, nicht nur in Sachnin.
2022/2319333739:44Die reguläre Saison beendete Sachnin als Neunter mit 30 Punkten und 26:30 Toren.
2023/2416364439:45Die reguläre Saison beendete Sachnin als Sechster mit 33 Punkten und 26:31 Toren und erhielt wegen seiner Fans einen Punkt abge­zogen.
2024/25110333626:44Die reguläre Saison beendete Sachnin als Zwölfter mit 23 Punkten und 19:37 Toren. Bei einem Aus­wärts­spiel in Beer Sheva drehte sich ein Teil der Sachnin-Fans beim Abspielen der Hatikva demon­strativ um und wurde von einem jüdisch-israeli­schen Mob ange­griffen. Für das respekt­lose Verhalten der eigenen Fans erhielt Sachnin einen Punkt abge­zogen; Hapoel Beer Sheva wegen seiner Schläger derer zwei.
Die Saison­ergebnisse von Bnei Sachnin ab 1997 als tabel­larische Über­sicht. Quellen: The Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation und das Sport­wetten­portal Soccerway.

Anmerkungen

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  1. Ich könnte hier auch von Völkermord schreiben, aber den Begriff mag ich wegen seines Bezugs auf (einge­bildete) Völker nicht. Jedenfalls: die Genozid-Konvention von 1948 gibt das her, keine Frage. Siehe auch 1) das fundamen­tale Buch von William A. Schabas : Genozid im Völker­recht, Hamburger Edition 2003, sowie 2) das Manuskript zu meiner Hörfunk­sendung Völkermord vom 15. März 2004.   
  2. Ein guter Bezugspunkt zur eigenen Positionie­rung ist das isrealisch-palästinen­sische Online-Magazin +972 magazine.   
  3. „Die Lehre aus der Geschichte Deutschlands wäre seine Demontage.“ [Sonja Vogel]. Als Redakteurin des Zentrums Lieberale Moderne darf sie [2025] solcherlei wohl nicht mehr sagen. Auch wenn ich verstehen kann, daß Menschen und in diesem Fall Journalis­tinnen irgendwo irgendwie ihr Geld verdienen müssen; aber ausgerechnet dort?   
  4. Uri Avnery : Die andere Seite der Medaille, in: In den Feldern der Philister, Seite 310–311.   
  5. „Wer sich nicht versteht, kann sich nicht versöhnen“, 2006 auf der Webseite der AG Friedens­forschung an der Uni Kassel gefunden und später wieder im Daten­rauschen verloren.   
  6. Felicia Langer in: Hans-Dieter Schütt : »Nicht gegen mein Gewissen«, Seite 62–63.   
  7. Felicia Langer auf Seite 120.   
  8. Felicia Langer auf Seite 125.   
  9. Felicia Langer auf Seite 109.   
  10. Felicia Langer starb 2018. Nachruf von Norman Paech. Ich hatte einmal ein längeres Gespräch mit ihr geführt. Sie konnte einfach nicht begreifen, weshalb ich BDS nicht unterstütze. Abgesehen davon, daß ich auch inhaltlich Schwierig­keiten mit diesem sehr speziellen Boykott Israels und seiner Repräsen­tantInnen habe, sind es meine ganz eigenen deutschen Befindlich­keiten. Anderer­seits habe ich kein Problem mit dem Boykott jüdischer Waren aus den besetzten palästinen­sischen Gebieten, weil sie auf Raub, Gewalt und Vertreibung beruhen.   
  11. Nicht vergessen: dies ist das Manuskript einer Hörfunk­sendung.   
  12. Nicht autorisierte Verschrift­lichung des Interviews; mir unverständ­liche Passagen sind gekenn­zeichnet.   
  13. Sahar Khalifa : Die Sonnenblume, Seite 9.   
  14. Fairerweise sei angemerkt, daß die Wahl­beteiligung nicht sehr hoch war, weil die Wahl zwischen Kriegs­treiber Scharon und Kriegs­treiber Barak nun wirklich keine Wahl war.   
  15. Diese Information ist nicht ganz korrekt. Es handelt sich hierbei um den Verein Hapoel Taibe, der in der Saison 1996/97 in der ersten israelischen Liga gespielt hat und dort mit 15 Punkten aus 30 Spielen Tabellen­letzter wurde. Siehe hierzu die Spiel­übersicht von RSSSF und die Geschichte des Fußballs in Israel.   
  16. Gerd Fischer und Jürgen Roth geben diesen religiösen Quark in ihrem Buch Ballhunger über den Mythos des brasilianischen Fußballs trefflich wieder.   
  17. Stefan Mayr : Zwischen Intifada und Champions League: Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.) : Davidstern und Lederball, Seite 488–505.   
  18. Bnei Sachnin ist am 12. Mai 2006 nach einem 2:2 gegen den Meister Maccabi Haifa als Tabellen­letzter abgestiegen. Fünf Siege waren bei 10 Unentschieden und 18 Niederlagen dann doch etwas dürftig.