Koreanische Schrifttafeln.
Reflexionen über die Änderung der Welt
Walter Kuhl
Koreanische Schrifttafeln.
Koreanische Schrifttafeln
aus Metall.
Anna und Sigmund Freud 1920.
Anna Freud 1920.
Sigmund Freuds Arbeitszimmer.
Die Couch
Z. Kratochvil.
Sorbisches Wegekreuz.
Sorbischer Ahnenkult.
Denkzeichen Güterbahnhof Darmstadt.
Denkzeichen Güterbahnhof
Darmstadt.

Rezensionen / Buchbesprechungen

Tom Saller : Ich bin Anna

Buchcover.

Tom Saller : Ich bin Anna, Kanon Verlag, Berlin, Februar 2024, 256 Seiten, € 24,00.

Vorweg – ich lese selten Romane. Mir fehlt die Imagi­nation, mich in fremde blumen­reich ausge­füllte Gedanken­welten hinein­zubegeben. Ich sehe die opulent ausge­schmückten Räume nicht, ich rieche nicht ihren seltsamen Duft und höre auch die Hinter­grund­geräusche nicht. Das heißt nicht, daß es mir an Empathie mangelt. Aber litera­rische Werke betrachte ich eher als Konsum­artikel. Ihr Tiefgang geht nur so weit wie ihr Erfassen der Wirklich­keit, ihrer Brüche und Wider­sprüche. Also meist nicht besonders tief – banales Nach­plappern, Resonanz­boden einer als alternativ­los geltenden neo­liberalen Welt­ordnung bis ins intimste Detail. Und es soll sich ver­kaufen. Ich nehme daher lieber ein Sachbuch zur Hand, das mir die Realität dieser ver­rückten und auch ver­rückt gemachten Welt zu erklären versucht.

Tom Sallers Roman Ich bin Anna ist ein Roman und auch nicht. Als mir das Buch zur Bespre­chung angeboten wurde, fand ich das setting inter­essant. Weshalb landete Anna Freud auf der Couch ihres Vaters (und wurde selbst Psycho­analytikerin) und wie gelang es den Freuds (nicht allen übrigens) 1938, das von den Nazis okkupierte Öster­reich zu verlassen? Hier verbinden sich Fiktion und Fakten zu etwas, was – wie ich Tom Sallers Nachwort entnehme – die US-amerika­nische Kolumnistin Diana Vreeland faction getauft hat. Der Roman verbindet auf diese Weise die Couch und die Nazis.

Natürlich kann ich zur Beant­wortung dieser Fragen auch einfach die Wikipedia konsul­tieren. Doch auch diese lüftet nicht jedes Geheimnis. Das tut auch Tom Saller nicht. Er macht etwas anderes. Er füllt den Raum nicht über­lieferten Geschehens mit seiner eigenen Imagi­nation. Das kann er auch deswegen, weil er als Psycho­therapeut die ein­schlägigen Kenntnisse mitbringt. So, wie er es schreibt, ist es nicht gewesen. Aber es hätte sich so oder so ähnlich abge­spielt haben können, wozu er eine Figur einführt, die es nicht gegeben hat. Eine Figur, die jedoch als ein sehr zeit­typischer Charakter gestaltet ist. Er nennt sie Ludwig Stadlober.

Als Tochter eines Groß­meisters der Psyche aufzu­wachsen, dürfte für die im Dezember 1895 geborene Anna nicht einfach gewesen sein. Das jüngste von sechs Kindern hatte es ohnehin nicht leicht, einen eigenen Platz in der Familie und überhaupt im Leben zu finden. Ob ihr jugend­liches Kränkeln damit in Verbindung steht, ist möglich, aber auch spekulativ. Als ihre Geschwister das Haus verließen, blieb sie. Sie war das einzige Kind, das sich an der Psycho­analyse ihres Vaters inter­essiert zeigte; aber dies mit Leiden­schaft. Sie wurde eine der Weg­bereiterinnen dieser psycho­logischen Richtung und ihr Einfluß auf die Kinder­analyse wirkt bis heute nach. Doch zunächst wurde sie Lehrerin. Nach einem Prolog steigt der Roman in den Kriegs­winter 1917/18 ein. In Rußland erzwangen die Frauen von Petrograd, die Soldaten an der Front und die Bolschwiki in zwei Revolutionen eine Atempause vor dem Krieg, in Wien wurde gehungert und gefroren.

Die Freuds waren Juden, und der öster­reichische Anti­semitismus konnte es sicher mit dem in zeit­genössischen Darmstadt aufnehmen, der Stadt, in der ich ein Viertel­jahrhundert gelebt habe. Und Anna war eine Frau. Eine Konstellation, die in der Männerwelt sicher nicht hilfreich war. Außer ihrem Vater gab es bis 1917 keine Männer in ihrem Leben. Frauen dagegen schon. Eintritt Stadlober.

Ludwig Stadlober, der Vorname wird erst später nach­gereicht, hat an der Westfront gekämpft. Durch einen Senfgas­angriff erblindete er, was sich nach und nach als ein Wieder-Sehen mit Rückfall heraus­stellt. Die Ärzte sind ratlos, und so landet er bei Freud – vielleicht sei dieses immer wieder zurück­kehrende Nicht-Sehen oder vielleicht auch Nicht-Sehen-Wollen ja psychischer Natur. Sehen und Nicht-Sehen ist dann auch das Thema, welches den gesamten Roman durch­zieht. Sigmund teilt seine analy­tischen Gedanken mit Anna, wovon Stadtober nichts wissen darf. Anna trifft heimlich Stadlober, ohne daß ihr Vater das sehen soll. Eine analy­tische Konstel­lation mit Konsequenzen.

Ein bißchen Ödipus muß natürlich auch sein. Die Sphinx auf Freuds Arbeits­tisch. Und Anna als Antigone, deren antikes Vorbild einer Über­lieferung nach einge­mauert wurde. Der thebanische Sagen­kreis, der diesen Motiven zugrunde­liegt, verweist (wahr­schein­lich) auf die mykenische Kultur und eines ihrer wichtigen Zentren, die Stadt und Burg von Theben in Böotien. Durch Sophokles, Euripides und Pausanias erhalten wir ver­schiedene, nicht ganz kompatible Versionen und Inter­pretationen dieses über Jahr­hunderte tradierten Stoffs. Demnach hatte sich Ödipus erst geblendet, nachdem er seinen Vater ermordet und seine Mutter geschwängert hatte. Der Ödipus-Komplex des Sigmund Freud ist somit die Inter­pretation einer Inter­pretation. Die Blind­heit, mit der wir im Roman konfron­tiert werden, besitzt demnach viele Facetten.

Und nebenbei ist Anna auf der Suche nach sich selbst. Will nicht einge­mauert sein.

Dieser Stadlober ist ein Mann der Gewalt. Soldat im Krieg und ein Verfechter der Auslöschung unter­menschlichen Lebens. Folglich schließt er sich (im Roman) den National­sozialisten an. Und begegnet in herrischer Funktion 1938 den jüdischen Freuds und Anna, mit der er viele Jahre zuvor ausge­gangen war, in Wien wieder. Was sich daraus entspinnt, erinnert an die Hotel­szenen in Lubitschs meister­haftem Film To Be or Not to Be. Zwei ver­schiedene Hotels, zwei ver­schiedene settings, aber auch zwei Nazizentren, in denen sich die unter­schiedlichsten Prota­gonisten und, ja, Heldinnen bewähren müssen. Wie es ausgegangen ist? Selbst lesen.

Der Stadlober in Tom Sallers Roman führt den Analytiker Sigmund Freud zu etwas, das er zuvor noch nicht gesehen hat, was er Thanatos, den Todestrieb nennt. Einen psychischen Zwang zum Zerstören und Vernichten. Ich lasse es dahin­gestellt, ob es sich hierbei nicht vielmehr um eine kulturelle Mani­festation von zehn­tausend Jahren Patriarchat handelt. Der Autor führt hier durchaus etwas im Schilde, was er im Nachwort auch andeutet. Dieser Typ Mensch begegne uns in beängsti­gender Aktualität in der gegen­wärtigen Geopolitik wieder. Wen oder was er damit meint? Das muß er uns schon selbst erzählen.

Der Roman ist also hinter­gründig und trotz seiner vielen psycho­analytischen Andeutungen und Einlassungen gut und verständlich lesbar. Er benötigt ein wenig, um Fahrt aufzunehmen, aber das ist wohl bei der Exposition eines Themas so. Dann jedoch wird es fesselnd genug, um das Buch nicht aus der Hand legen zu wollen.

Walter Kuhl
19. Februar 2024