Tom Saller : Ich bin Anna
Kurzfassung
Tom Saller : Ich bin Anna, Kanon Verlag, Berlin, Februar 2024, 256 Seiten, € 24,00.
Introspektion
Vorweg – ich lese selten Romane. Mir fehlt die Imagination, mich in fremde blumenreich ausgefüllte Gedankenwelten hineinzubegeben. Ich sehe die opulent ausgeschmückten Räume nicht, ich rieche nicht ihren seltsamen Duft und höre auch die Hintergrundgeräusche nicht. Das heißt nicht, daß es mir an Empathie mangelt. Aber literarische Werke betrachte ich eher als Konsumartikel. Ihr Tiefgang geht nur so weit wie ihr Erfassen der Wirklichkeit, ihrer Brüche und Widersprüche. Also meist nicht besonders tief – banales Nachplappern, Resonanzboden einer als alternativlos geltenden neoliberalen Weltordnung bis ins intimste Detail. Und es soll sich verkaufen. Ich nehme daher lieber ein Sachbuch zur Hand, das mir die Realität dieser verrückten und auch verrückt gemachten Welt zu erklären versucht.
Tom Sallers Roman Ich bin Anna ist ein Roman und auch nicht. Als mir das Buch zur Besprechung angeboten wurde, fand ich das setting interessant. Weshalb landete Anna Freud auf der Couch ihres Vaters (und wurde selbst Psychoanalytikerin) und wie gelang es den Freuds (nicht allen übrigens) 1938, das von den Nazis okkupierte Österreich zu verlassen? Hier verbinden sich Fiktion und Fakten zu etwas, was – wie ich Tom Sallers Nachwort entnehme – die US-amerikanische Kolumnistin Diana Vreeland faction getauft hat. Der Roman verbindet auf diese Weise die Couch und die Nazis.
Natürlich kann ich zur Beantwortung dieser Fragen auch einfach die Wikipedia konsultieren. Doch auch diese lüftet nicht jedes Geheimnis. Das tut auch Tom Saller nicht. Er macht etwas anderes. Er füllt den Raum nicht überlieferten Geschehens mit seiner eigenen Imagination. Das kann er auch deswegen, weil er als Psychotherapeut die einschlägigen Kenntnisse mitbringt. So, wie er es schreibt, ist es nicht gewesen. Aber es hätte sich so oder so ähnlich abgespielt haben können, wozu er eine Figur einführt, die es nicht gegeben hat. Eine Figur, die jedoch als ein sehr zeittypischer Charakter gestaltet ist. Er nennt sie Ludwig Stadlober.
Nesthäkchen
Als Tochter eines Großmeisters der Psyche aufzuwachsen, dürfte für die im Dezember 1895 geborene Anna nicht einfach gewesen sein. Das jüngste von sechs Kindern hatte es ohnehin nicht leicht, einen eigenen Platz in der Familie und überhaupt im Leben zu finden. Ob ihr jugendliches Kränkeln damit in Verbindung steht, ist möglich, aber auch spekulativ. Als ihre Geschwister das Haus verließen, blieb sie. Sie war das einzige Kind, das sich an der Psychoanalyse ihres Vaters interessiert zeigte; aber dies mit Leidenschaft. Sie wurde eine der Wegbereiterinnen dieser psychologischen Richtung und ihr Einfluß auf die Kinderanalyse wirkt bis heute nach. Doch zunächst wurde sie Lehrerin. Nach einem Prolog steigt der Roman in den Kriegswinter 1917/18 ein. In Rußland erzwangen die Frauen von Petrograd, die Soldaten an der Front und die Bolschwiki in zwei Revolutionen eine Atempause vor dem Krieg, in Wien wurde gehungert und gefroren.
Die Freuds waren Juden, und der österreichische Antisemitismus konnte es sicher mit dem in zeitgenössischen Darmstadt aufnehmen, der Stadt, in der ich ein Vierteljahrhundert gelebt habe. Und Anna war eine Frau. Eine Konstellation, die in der Männerwelt sicher nicht hilfreich war. Außer ihrem Vater gab es bis 1917 keine Männer in ihrem Leben. Frauen dagegen schon. Eintritt Stadlober.
Ludwig Stadlober, der Vorname wird erst später nachgereicht, hat an der Westfront gekämpft. Durch einen Senfgasangriff erblindete er, was sich nach und nach als ein Wieder-Sehen mit Rückfall herausstellt. Die Ärzte sind ratlos, und so landet er bei Freud – vielleicht sei dieses immer wieder zurückkehrende Nicht-Sehen oder vielleicht auch Nicht-Sehen-Wollen ja psychischer Natur. Sehen und Nicht-Sehen ist dann auch das Thema, welches den gesamten Roman durchzieht. Sigmund teilt seine analytischen Gedanken mit Anna, wovon Stadtober nichts wissen darf. Anna trifft heimlich Stadlober, ohne daß ihr Vater das sehen soll. Eine analytische Konstellation mit Konsequenzen.
Ein bißchen Ödipus muß natürlich auch sein. Die Sphinx auf Freuds Arbeitstisch. Und Anna als Antigone, deren antikes Vorbild einer Überlieferung nach eingemauert wurde. Der thebanische Sagenkreis, der diesen Motiven zugrundeliegt, verweist (wahrscheinlich) auf die mykenische Kultur und eines ihrer wichtigen Zentren, die Stadt und Burg von Theben in Böotien. Durch Sophokles, Euripides und Pausanias erhalten wir verschiedene, nicht ganz kompatible Versionen und Interpretationen dieses über Jahrhunderte tradierten Stoffs. Demnach hatte sich Ödipus erst geblendet, nachdem er seinen Vater ermordet und seine Mutter geschwängert hatte. Der Ödipus-Komplex des Sigmund Freud ist somit die Interpretation einer Interpretation. Die Blindheit, mit der wir im Roman konfrontiert werden, besitzt demnach viele Facetten.
Und nebenbei ist Anna auf der Suche nach sich selbst. Will nicht eingemauert sein.
Dieser Stadlober ist ein Mann der Gewalt. Soldat im Krieg und ein Verfechter der Auslöschung untermenschlichen Lebens. Folglich schließt er sich (im Roman) den Nationalsozialisten an. Und begegnet in herrischer Funktion 1938 den jüdischen Freuds und Anna, mit der er viele Jahre zuvor ausgegangen war, in Wien wieder. Was sich daraus entspinnt, erinnert an die Hotelszenen in Lubitschs meisterhaftem Film To Be or Not to Be. Zwei verschiedene Hotels, zwei verschiedene settings, aber auch zwei Nazizentren, in denen sich die unterschiedlichsten Protagonisten und, ja, Heldinnen bewähren müssen. Wie es ausgegangen ist? Selbst lesen.
Der Stadlober in Tom Sallers Roman führt den Analytiker Sigmund Freud zu etwas, das er zuvor noch nicht gesehen hat, was er Thanatos, den Todestrieb nennt. Einen psychischen Zwang zum Zerstören und Vernichten. Ich lasse es dahingestellt, ob es sich hierbei nicht vielmehr um eine kulturelle Manifestation von zehntausend Jahren Patriarchat handelt. Der Autor führt hier durchaus etwas im Schilde, was er im Nachwort auch andeutet. Dieser Typ Mensch begegne uns in beängstigender Aktualität in der gegenwärtigen Geopolitik wieder. Wen oder was er damit meint? Das muß er uns schon selbst erzählen.
Der Roman ist also hintergründig und trotz seiner vielen psychoanalytischen Andeutungen und Einlassungen gut und verständlich lesbar. Er benötigt ein wenig, um Fahrt aufzunehmen, aber das ist wohl bei der Exposition eines Themas so. Dann jedoch wird es fesselnd genug, um das Buch nicht aus der Hand legen zu wollen.
Walter Kuhl
19. Februar 2024