Juliane Stückrad : Die Unmutigen, die Mutigen
Kurzfassung
Juliane Stückrad : Die Unmutigen, die Mutigen. Feldforschung in der Mitte Deutschlands, Kanon Verlag, Berlin, Herbst 2022, 286 Seiten, € 24,00.
„Nach dem Segen ging der anwesende Pfarrer eilig zu einem Termin, den er an diesem Abend noch wahrzunehmen hatte. Ich blieb allein mit der Frau zurück. Meine Teilnahme an dem Gebet hatte so viel Vertrauen geschaffen, dass sie mir bereitwillig von sich und ihrem Engagement in der Gemeinde erzählte. Als ich anschließend in mein Feldtagebuch schrieb, stellte ich fest, dass ich trotz der Ernsthaftigkeit meiner Gebete diese Situation vor allem als Ethnologin wahrgenommen hatte, und hoffte inständig, dass das für Gott in Ordnung sei.“ [1]
Für Gott (m/w/d, obwohl es aufgrund des patriarchalen Designs sicherlich „m“ sein muß) sind noch ganz andere Dinge in Ordnung. Die Ordnung dieser Welt zum Beispiel; sein Werk, seine Verantwortung. Ausbeutung, Kinderarbeit, Sklaverei, Krieg. Ertrinkende Flüchtende im Mittelmeer. Mord mit Drohnen in Afghanistan und Pakistan. Guantánamo. Sklavinnenenhaltung in Libyen und beim Islamischen Staat. Evangelikale Jihadisten, christliche Nächstenliebe katholischer Päderasten. Frauen als Menschen zweiter Klasse in vielen Regionen seiner Schöpfung, schon seit langer langer Zeit. Dem gegenüber sind Juliane Stückrads Probleme so unscheinbar, daß Gott sie getrost ignorieren darf. Zumal er sich sagt: Juliane, angesichts dessen, was Du Dir in Deinem Leben schon so geleistet hast, ist die Instrumentalisierung eines Vertrauen schaffenden Gebetes nun wirklich irrelevant. [2]
Interessanter wird es aber, wenn selbiger Gott nur eine gut tradierte Einbildung ist. Dann reden wir hier von Phantomschmerzen.
Woher der Unmut kommt
Während ich diese Rezension verfasse, hat es in Bautzen wieder einmal gebrannt. Ein Hotel, das schon einmal als Flüchtlingsunterkunft gedient hat und wieder dienen soll, wurde angezündet. Einige Tage zuvor war die AfD vor Ort, am Ort des nachfolgenden Feuers, um christliche Nächstenliebe zu predigen. Seit Wochen ziehen an jedem Montagabend zweitausend und oftmals auch mehr Frauen und Männer durch die Kleinstadt an der Spree. Manches von dem, was sie bedrückt, mag spinnert erscheinen, manches hat durchaus eine reale Grundlage. Ohnehin ist es in diesem Land nicht verboten, dummes Zeug zu erzählen; davon lebt eine ganze Schar von Poltikerinnen, Klatschblättern aus dem profitablen deutschen Verlagswesen und Fernsehsendern [3]. Mittendrin laufen in Bautzen organisierte Neonazis. Alles ganz normal in der Oberlausitz. Frau und man stört sich nicht daran. Wenn es nicht die Nachbarn von nebenan sind, dann sind es Zugereiste, die zu einer großen gemeinsamen Familie gehören und gemeinsam demonstrieren.
Nach dem Brandanschlag wurden die üblichen Rituale abgespult. Der sächsische CDU-Innenminister Armin Schuster schaute kurz vorbei, machte einen auf bestürzt und versprach, daß die Täter dafür büßen sollen. Hier würde es helfen, die ganzen mit Steuergeldern als Verfassungsschutzspitzel alimentierten Neonazis zu aktivieren und die Erkenntnisse nachfolgend nicht aus Gründen der Staatsraison zu zerschreddern wie beim Nationalsozialistischen Untergrund. Landrat Udo Witschas sprach von versuchtem Mord. „Ich kann nicht glauben, dass Menschen aus unserer Region zu so etwas fähig sind.“ Ach ja? Dabei gibt es doch gute staatsbürgerliche Vorbilder. Wir müssen nur ins gar nicht so ferne Dessau und dort in eine Polizeizelle schauen. – Derweil trafen sich am Sonntagmorgen auf dem Kornmarkt etwa 100 Menschen zu einer Kundgebung, um für Weltoffenheit einzutreten. Hundert. Bautzen hatte 2021 knapp 38.000 Bewohnerinnen und Bewohner. 1989 waren es noch 52.000. [4]
Woher der Unmut? Ich lebe seit nunmehr sechs Jahren in der Oberlausitz und finde diese Frage durchaus spannend. Diejenigen, die an jedem Montag durch Bautzen tigern, als Querulantinnen oder Schwurbler abzutun, trifft die Sache nicht. Es hat sicherlich damit zu tun, daß in der Oberlausitz mehr als zwei Drittel derjenigen, die ihre Wahlzettel noch ausfüllen, CDU oder AfD wählen. Es liegt nicht daran, wie der CDU-Politiker und ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz in einem FAZ-Podcast meinte kundtun zu müssen, daß wir es hier mit Menschen zu tun haben, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen seien. Welche und wessen Demokratie? Wie erklärt er uns dann „König Kurt“ [Biedenkopf] in seinem eigenen Wirkungskreis? Eine sächsische Monarchie mit abgehalfterten westlichen CDU-Granden ist ja wohl auch eher vordemokratisch. So etwas färbt halt auch auf die neu gewonnenen sächsischen Untertanen ab. Da zeigt Wanderwitz mit seinem Finger lieber … auf andere. [5]
Seit sechs Jahren suche ich für mich die Puzzlestücke zusammenzutragen, denn die Erklärung des Unmuts ist nicht eindimensional. Im Westen Deutschlands macht man oder frau es sich machmal recht einfach damit. Dort heißt es angesichts von Bautzen oder Pegida: am besten Sachsen mit Stacheldraht umgeben oder gleich zumauern. Was kann mir Juliane Stückrad dazu sagen, die seit fast zwei Jahrzehnten ethnografische Studien in der ostdeutschen Provinz betreibt?
Die Bereisung des Feldes
Juliane Stückrad ist ausgebildete Ethnologin und somit auch wissenschaftlich qualifiziert, volkskundliche Feldforschung zu betreiben. Daß dieses Feld im Osten Deutschlands zu finden wäre, war ihr nicht vorgegeben. Erst ein Trip in die Ferne Perus brachte ihr den Reiz der Nähe der eigenen Gefilde nahe. Als gebürtige Thüringerin hatte sie die Wochen und Monate der „Wende“ hautnah miterlebt. Als evangelische Christin hatte sie eine ideologische Distanz zum Regime. Ihr Buch über die Unmutigen, also diejenigen, die ihren Unmut über das zum Ausdruck bringen, was ihnen die Transformation von einer SED-Diktatur, wie sie sagt, zum Hartz IV-Regime gebracht hat, die aber auch etwas mutlos erscheinen, und zu den Mutigen, die trotz der Widernisse einen eigenen Weg gefunden haben, ist auch eine Beschreibung der eigenen Erkundung ostdeutscher Wirklichkeit.
Studentinnen mit Ambitionen auf eine wissenschaftliche Karriere benötigen ein Thema, an dem sie sich beweisen müssen, und eine Doktormutter, die darauf achtet, daß das Thema auch einen Abschluß findet. Doch zunächst rät ihr ein ungenannt bleibender und aus dem Westen stammender Professor an der Universität Leipzig, sich mit dem Schimpfen der Menschen in Ostdeutschland zu befassen, und verwies sie an eine nun wiederum namentlich genannte Kollegin an der Universität Jena. Anonym werden in der Folge viele der Stationen der Forscherintätigkeit bleiben. Die Dörfer heißen N. oder L., und ein Städtchen E.-Stadt. Einen tieferen Sinn kann ich darin nicht erkennen. Die Orte sind in der Regel leicht anhand ihrer eigenen Publikationen zu rekonstruieren; und das gilt auch für die Eisverkäuferin in G., die in Gößnitz DDR-Softeis herstellt. Im Gegensatz zu dieser Pseudoanonymisierung ist die Anonymisierung ihrer vielfältigen Gesprächspartnerinnen und Gewährsleute wohl eher sinnvoll. So am Anfang ihrer Feldforschung im Süden Brandenburgs, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Demonstration gegen die Hartz-IV-Schikanen die vermeintlich oder wirklich Verantwortlichen für die Zerschlagung der DDR-Wirtschaft und die damit verbundene Arbeits- und Perspektivlosigkeit an liebsten aufhängen oder ihnen zumindest eins auf die Schnauze hauen wollen.
Das Schimpfen im Postsozialismus, wie sie die Nachwendezeit nennt, ist kein Phänomen aus nur dieser Zeit. Sie führt es zurück auf die DDR-Verhältnisse, in denen es aufgrund des allgegenwärtigen Spitzelwesens und damit verbundenen Mißtrauens als sinnvoll erschien, die oder den Gegenüber vorsichtig abzuklopfen; und da war ein eher unspezifisches Schimpfen und Nörgeln hilfreich. Leider thematisiert sie im Buch nicht, ob diese Angewohnheit wirklich typisch ostdeutsch ist und ob sie gar einen Vorgänger in der NS-Zeit besessen hat oder in früheren Ausbeutungsverhältnissen entstanden ist. Vielleicht gibt es dazu Hinweise in ihren wissenschaftlichen Publikationen. Denn eines ist ihr Buch über den Unmut und Mut sicher nicht: eine trockene wissenschaftliche Abhandlung.
Ganz im Gegenteil. Im Laufe ihrer Forschungen kommt sie an den Punkt der Erkenntnis, daß ethnografisches Schreiben mehr mit Poesie zu tun haben sollte; folglich nimmt sie uns mit zum Sonnenuntergang in Südbrandenburg, in Autobahnstaus, Handyfunklöcher oder auf verschlissene Polstermöbel; und wir dürfen ihr dabei beiwohnen, wie sie sich einen Strammen Max bestellt, ein DDR-Softeis schlürft oder den gutren sächsischen Kuchen verspeist. Auch ihren Kleiderschrank, vollgestopft mit Akten, dürfen wir inspizieren. Die Umwelt sinnlich zu erfahren heißt dann auch, sie sinnlich zu berschreiben.
Doch zurück zu den Schimpfenden. Nach 1989 entfiel mit dem SED-Regime eine wesentliche Funktion des Schimpfens; und es bleibt ein, wie sie sagt, oft zu hörender Gedanke: „Heute kann man alles sagen, aber es interessiert keinen mehr.“ Das mag vor zwanzig Jahren noch so gewesen sein. Ob Ossis geschimpft oder gejammert haben, interessierte nur das Feuilleton, um sich darüber lustig zu machen; die Dampfwalze der westlichen Aneignung des DDR-Vermögens ging einfach darüber hinweg. Aber heute ist ein solcher Satz blanker Unsinn. Wenn heute gesagt wird, was frau und man will, dann kommt eine andere Dampfwalze, auch shitstorm genannt, und bügelt den Unmut auf ostdeutschen Straßen und Plätzen vollkommen undifferenziert als Schwurbelei, Querdenkertum, Putin-Verstehen oder Corona-Leugnen ab, so als gäbe es keine reale Grundlage für die sich dort artikulierende Dissidenz. Im Gegensatz zu dem, was Juliane Stückrad die „SED-Diktatur“ nennt, können die heutigen Eliten auf eine eingespielte Medienmaschinerie zurückgreifen, die nicht – wie auf Kundgebungen im Osten mitunter zu hören ist – gleichgeschaltet ist. Es sind auch keine Staatsmedien, auch die öffentlich-rechtlichen als Spezialfall nicht. Es ist banaler: aufgrund gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Interessen ihrer Eigentümerinnen und Eigentümer trommeln sie gleichförmig und im Stakkato abweichende Meinungen nieder. Polizei und Justiz werden nur ausnahmsweise benötigt. [6]
Abschweifende Gedanken zu einer Diktatur
Im Gegensatz zur Autorin bin ich kein ausgebildeter Feldforscher, aber auch ich höre genau zu. Ich nehme die Menschen meiner Umgebung ernst und habe deswegen fast durchweg freundliche und hilfsbereite Nachbarinnen und Nachbarn gefunden. Daß ich aus dem Westen komme, spielt überhaupt keine Rolle. Es ist eine Sache, von Mißachtung, Verdrängung, Demütigung und Entrechtung in Büchern oder Zeitschriften zu lesen, aber eine andere, davon von Menschen, die man mögen gelernt hat, auch sinnlich zu erfahren. Sie leiden. Wie zum Beispiel eine Nachbarin davon berichtete, daß sie nach dem Schulabschluß einen Ausbildungsplatz gesucht hat. Bei der Berufsberatung im Arbeitsamt wurden vor ihr zwei Stapel mit Broschüren auf den Tisch gelegt. Links waren Ausbildungs- und Arbeitsplätze in Österreich, rechts diejenigen in der Schweiz. Vor Ort, so wurde ihr gesagt, gibt es nichts. Sie sollte regelrecht aus ihrer Heimat vertrieben werden. Verwundert es da so sehr, daß ganze Scharen von Jobsuchenden die blühenden Landschaften plattgewalzter sozialer Einöde verlassen haben, um ihr Glück im goldenen Westen zu suchen? Ganze Regionen wurden entvölkert wie im Mittelalter bei einer Seuche oder in einem Krieg. Ein Drittel der Menschen, manchmal auch mehr, sind nicht mehr da; augenfällig wird dies, wenn bestimmte Jahrgänge schlicht fehlen.
Ich fragte also einen anderen Nachbarn, ob die DDR eine Diktatur gewesen sei. Er schaute mich eingehend an und meinte dann: „Das ist aus dem Westen, nicht wahr?“ Genau das ist der Punkt. Ob ein Regime als demokratisch oder diktatorisch gilt, oder eher: zu gelten hat, ist eine normative Festlegung. Die Totalitarismustheorie, die den Nationalsozialismus und (imaginierten) Kommunismus gleich- und in einen Gegensatz zur wohlentwickelten bürgerlichen Demokratie setzt, ist wissenschaftlich haltlos und ideologisch. Was immer diktatorisch an der DDR unter der Führung der SED gewesen sein mag – es ist nicht schwer, das Pendant im demokratischen Westen zu finden. Einige Beispiele gefällig?
- Allgegenwärtige Überwachung durch das Ministerium für Stattssicherheit. Edward Snowdon hat uns die NSA nahegebracht und konnte seinen Häschern gerade noch entkommen. Gegen deren Fähigkeiten war die Stasi eine Bande von Amateuren (wenn auch wirkungsmächtig).
- Todesschüsse an den Grenzen der DDR. Frau und man schaue nach Israel an die Grenze zu den besetzten palästinensischen Gebieten oder an die berüchtigte Südgrenze der USA zu Mexiko. Wir haben sicher noch die Bilder im Kopf, als schwerbewaffnetes polnisches Militär unbewaffnete und frierende Männer, Frauen und Kinder im Winter 2021/22 daran hinderte, aus Belarus einzuwandern. Von den Machenschaften von Frontex und den selbst nach westlichen rechtlichen Maßstäben illegalen Pushbacks von Flüchtenden im Mittelmeer ganz zu schweigen. Das EU-Grenzregime rund um das Mittelmeer ist alleine 2022 für den Tod von mehr als fünftausend ertrunkenen Menschen verantwortlich. Kann die DDR da mithalten? Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur hier nur in der Hautfarbe der Erschossenen, Erfrorenen oder Ertrunkenen. [7]
- Der Hochsicherheitsknast in Bautzen. Auch in den USA und Westdeutschland wurden in den 1970er und 1980er Jahren Hochsicherheitsgefängnisse oder -trakte erbaut, die zum Exportschlager beispielsweise nach Spanien oder die Türkei gerieten. Das abstoßendste Beispiel stammt jedeoch aus den USA und befindet sich auf einem illegal besetzten Gelände auf Kuba – das Foltergefängnis in Guantánamo. Gar nicht so erstaunlicherweise hatt Annalena Baerbock deswegen noch nicht zum feministischen Menschenrechts-Jihad aufgerufen.
- Der 17. Juni 1953. Während des algerischen Befreiungskriegs wurden im Oktober 1961 in Paris anläßlich einer friedlichen Demonstration zehntausender Algerierinnen und Algerier vermutlich mehr als 200 Menschen als Staatsverbrechen brutal ermordet, das sogenannte Massaker von Paris. In den USA unterhielt das FBI seit Mitte der 1950er Jahre das sogenannte Counterintelligence Program, das gezielt gegen politische Dissidenz gerichtet war. Zu den Methoden dieses Programms gehörte politischer Mord oder das Fabrizieren von (erfundenen) Anklagen, die Mitglieder militanter schwarzer und indigener Organisationen für Jahrzehnte in den Knast bringen sollten; etwa Angela Davis, Leonard Peltier oder Mitglieder der Black Panther Party. Großbritannien und Spanien unterhielten in den 1970er und 1980er Jahren Todesschwadronen. Der Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 geschah im Anschluß an die Zerschlagung einer friedlichen Kundgebung vor der Deutschen Oper in Berlin. Anlaß war der Besuch eines guten Freundes der Demokratie – der sein Land mit selbstverständlicher Unterstützung der USA knechtende autokratische Schah von Persien. In trauter Zusammenarbeit knüppelten die Berliner Polizei und die Jubelperser des SAVAK-Geheimdienstes auf die wehrlosen Demonstrantinnen und Demonstranten ein. Dieser Mord brachte das postfaschistische Faß in Berlin und dann der ganzen jungen Bundesrepublik zur Explosion. Ähnlichkeiten zum Mord an einer jungen Kurdin im Iran sind alles andere als zufällig. [8]
- Die SED als führende Partei, deren Weisungen alles unterlag. Johannes Agnoli schrieb 1967 das wohl fundierteste kriitsche Werk über den westlichen Parlamentarismus, die Transformation der Demokratie, und nannte darin das westliche Parteiensystem die plurale Fassung einer Einheitspartei. Während im demokratischen Westen nicht „das Volk“, sondern die Wirtschaft die Leitlinien der Politik bestimmt, fehlte im „Realen Sozialismus“ ein derartiger Mechanismus, weswegen eine Stellvertreterorganisation, „die Partei“, an deren Stelle trat. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben schon 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei: „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“ Das war seinerzeit mehr hellsichtig als real, denn nur Großbritannien und die USA gehörten damals zu den entwickelten kapitalistischen Staaten. Heute ist dies evident.
Tanten
Juliane Stückrad stammt aus einem christlich-evangelischen Elternhaus. Mit dem unchristlichen Regime der DDR konnte sie nichts anfangen und wollte sich damit auch nicht abfinden. Sie empfand das Christsein als etwas Subversives. Ähnlich muß das auch die SED gesehen haben. Folglich wurden junge Menschen, die sich aktiv zum Christentum bekannten und sich konfirmieren ließen, von bestimmten Berufen, etwa als Erzieherin oder Lehrer ferngehalten. Ist das so schwer zu verstehen? Warum soll eine Gesellschaft heranwachsende Kinder an Menschen ausliefern, die mit einem erfundenen Gott und einer daran anknüpfenden Ideologie und Liturgie junge Seelen indoktrinieren? Haben die christlichen Kirchen und Werte in den vergangenen zweitausend Jahren nicht genügend Unheil angerichtet? Was können Kinder von Pädagoginnen und Pädagogen lernen, die sich immer noch auf Martin Luther berufen, einem bekennenden Antisemiten und Feind der damaligen Dissidenz, der ausgebeuteten und unterdrückten Bäuerinnen und Bauern des 16. Jahrhunderts?
In einer Demokratie hingegen werden konformistische Christinnen und Christen selbstredend nicht an der Ausübung eines solchen Berufes gehindert; stattdessen aber die imganisierten Feinde der demokratischen Ordnung, die im Westen bei den Nach-1968er Linken verortet wurden. Zur gleichen Zeit, als Willy Brandt das Motto ausgab, mehr Demokratie wagen zu wollen, machten in der Bundesrepublik mit seiner Einwilligung Tausende von Berufsverboten den Lebenstraum angehender Lehrerinnen und Pädagogen zunichte, Das gesellschaftliche Klima war derart aufgeheizt, daß damals noch als seriös geltende Zeitschriften wie der „Spiegel“ oder der „Stern“, oder Zeitungen wie die „Frankfurter Rundschau“, die Demokratie in Gefahr sahen. [9]
Dies alles muß Juliane Stückrad nicht wissen, denn sie ist ein Kind des Ostens. Sie hat die östliche Pädagogik genossen, dröge genug. Beim Besuch eines DDR-Museums auf Usedom begegnete sie ihrer Kindheit. „Auf einmal spürte ich wieder die Enge des sozialistischen Kindergartens mit seinen strengen ‚Tanten‘, deren Aufgabe es war, uns zu Disziplin und Ordnung zu erziehen.“ [10] Wurde ihr dort zu wenig gesungen, fehlte ihr das vertraute christliche Liedgut, bei dem ich schreiend davongelaufen wäre? Vielleicht wäre sie lieber in einen christlichen Kindergarten oder einem Verschickungsheim im Westen gewesen, bei der Kinder von christlichen „Tanten“ gequält wurden? Darüber könnte sie ja einmal mit Anja Röhl philosophieren. Wie gesagt, das muß sie alles nicht wissen. Dann ergeht es ihr so, wie dem Besitzer eines Trabanten, der sein Automobil mit der Aufschrift „Die Welt ist in Ordnung, nur in Deutschland nicht.“ versehen hatte. Und sie schreibt dazu:
„Sein Unmut blieb an den Grenzen Deutschlands hängen, und da er sich jenseits dieser nicht niederschlug, musste dort auch die Welt in Ordnung sein. Die Rückseite des Trabbis war damit ein Argument für meine These, dass nicht nur die Auseinandersetzung mit der Welt Unmut verursacht, sondern der Unmut auch die Wahrnehmung der Welt bestimmt.“ [11]
Wie wahr! Nur läßt sich dieser Gedanke auch auf den Umgang der Autorin mit ihrer DDR-Vergangenheit und der damit verbundenen Wahrnehmung ihres sozialen Feldes übertragen. Das eigene Feld ist nur durch den Vergleich mit dem außerhalb des Feldes Befindlichen zu verstehen. Sie nimmt ihre DDR als etwas Feindliches wahr, weil ihr die Relation zu der Monstrosität des darüber hinaus gehenden Gefildes fehlt. Vielleicht ist ihre Einsicht, auch Westdeutschland ethnografisch erkunden zu müssen, ein Schritt in die richtige Richtung.
Im Gegensatz zu Juliane Stückrad haben viele Menschen in der DDR ihr Land anders wahrgenommen, teilweise sogar einen gewissen Stolz auf das Erreichte entwickelt. Das waren nicht nur SED-Funktionäre. Das ging weit darüber hinaus. Arbeiterinnen- und Arbeiterkinder hatten auf einmal ganz reale Aufstiegsschancen. Chancen, die sie im Westen nicht hatten. Wer im Westen aufs Gymnasium wollte oder sollte, entschied sich am Stallgeruch. Das war vielleicht in der DDR auch so, nur war es ein anderer Stall. Ist das verwerflich? Im Westen begann sich das erst in den 1970er Jahren zu ändern, doch heute wird Bildung längst wieder selektiv gehandhabt. Im Januar 1990 traf ich in Tübingen auf einige Mitglieder der Vereinigten Linken. Sie erzählten vom Aufbruch in der DDR, und sie wollten eine bessere, demokratischere DDR aufbauen und keine kapitalistische Kopie oder gar Kolonie. Naiv, gewiß, denn die Würfel waren längst gefallen. Der König von Sachsen war schon ausgeguckt. Aber das mit einem solchen Aufbruch verbundene Lebensgefühl war weit verbreitet. Juliane Stückrad erzählt uns nur von dem ihrigen, ganz individualistisch: Reisen können, Partys feiern, sich verlieben. Das hätte sie in der DDR natürlich nicht haben können, denn die diktatorische SED hätte die Liebe ganz sicher verboten. Daß es um etwas ganz Anderes gehen könnte, nämlich eine ganze Gesellschaft nach den eigenen Vorstellungen aufzubauuen, ohne Parteibonzen und ohne profitgeile Investoren, das kommt ihr wohl nicht in den Sinn. Utopisch? Ja sicher. Aber vielleicht besser als das menschliche Elend, die zerstörten Träume, die verödeten Dörfer und die „blühenden Landschaften“ aus sozialer Kälte, Asphalt und Beton der letzten dreißig Jahre. In einer solchen Gesellschaft hätten im übrigen Neonazis keinen Platz.
Widerhaken
Ich lese das Buch, und je länger ich darin lese, desto mehr befürchte ich, der Autorin bei meiner noch zu schreibenden Besprechung Unrecht zu tun. Ich weiß, es wird harsch, vielleicht zu harsch. Denn sie entwickelt für uns gut nachvollziehbar ihre Erfahrungen und Erkenntnisse, aber auch die Entwicklung ihres eigenen Verständnisses über all die Jahre hinweg, was ich als positiv erachte. Es ist nicht dasselbe, als würde sie in einer wissenschaftlichen Arbeit die Methodik vorstellen, mit der sie ihre Arbeit angeht. Es ist etwas ganz Anderes, es ist der menschliche Aspekt. Sie erfährt Fremdheit und fürchtet sich davor, überwindet sie aber dadurch, daß sie sich auch auf das Unangenehme einläßt. Wenn ihr jugendliche Rabauken in einschlägiger Kleidung begegnen, die „Sieg Heil!“ grölen, dann ist das nicht unbedingt das, was ihr Wohlbehagen beim Verfassen ihres Feldtagebuchs verschafft, aber es gehört zum Osten dazu. Ich empfinde ihre Geschichten als ungemein reflektiert, auch hinsichtlich ihrer eigenen Involviertheit und Befangenheit in das ethnografische Feld, in das sie eintritt. Sie kommt zwar von außen, wird vom „Dorfauge“ auch so wahrgenommen, aber in dem Moment, in dem sie das Dorf und das zu beackernde (Forscherinnen-)Feld betritt, verändert sie es auch. Und sich selbst.
Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Leerstellen, oder zumindest nicht Gesagtes, was ihrer – ja, wie soll ich es nennen? – ideologischen Position entspringt. Sie ist eine fromme Christin und heute Stadträtin der SPD in Eisenach. Sie vertritt herrschende Werte, manchmal bewußt, häufig jedoch unbewußt.
Sie schildert die Hartz IV-Demonstrationen in Südbrandenburg 2004, ohne zu erwähnen, daß ihre Partei das Elend von und mit Hartz IV mitverschuldet hat. Gewiß, sie hat diese Auftragsarbeit für das westdeutsche Kapital nicht verbrochen oder daran mitgewirkt; aber wie sie heute dazu steht, erfahren wir auch nicht. Immerhin durfte sie auch persönlich Bekanntschaft mit dem Hartz IV-Regime machen. Als Ossi blieb sie nicht von den prekären Bedingungen der Nachwendezeit verschont. Sie erwähnt nirgends, daß die westlichen Eliten 1989, als das Zerbröseln der DDR greifbar war, alte Pläne aus den Schubladen holten, um die DDR als quasi eigenes Mezzogiorno einzukassieren. Daß die ehemalige DDR zum Niedriglohnland innerhalb der gesamtdeutschen Republik verkam, ist keine Fehlleistung, sondern war so gewollt. Die Treuhand war das Vehikel [12]. Die Treuhand kommt im Buch auch nicht vor, obwohl sie wesentlich für das von Juliane Stückrad zu beackernde Forschungsgebiet ist. Wer derart wesentliche Teile auläßt, kann das Ganze nicht verstehen. Und will es auch nicht? Jedenfalls, 2014 endete ihr Prekariat, das sich von Job zu Job Hangeln, und sie wird arbeitslos.
Im Jobcenter wurden ihr die „Folterinstrumente“ (ihre Worte, nicht meine) gezeigt und sie empfand den Striptease vor ihrer Fallmanagerin als demütigend. Ist es ja auch. In ihren damaligen eigenen Worten: „Wer noch kein Staatsfeind ist, wird es spätestens nach dem Besuch auf dem Arbeitsamt.“ Die Wut der Arbeitslosen auf den Demonstrationen von 2004 bekommt ein Gesicht. Das Programm „Fordern und Fördern“ reduzierte sich für sie auf den einfachen Nenner – Fordern. Ich habe vor das vielen Jahren etwas poetischer ausgedrückt: Fordern und Fordern. Doch das Glück war ihr hold und sie gerät an einen anderen Betreuer, der sich ihr verständnisvoll zuneigt und ihr eine neue Perspektive verschafft. Alles ist gut. Ist alles gut? Für die Autorin schon, und deshalb bleibt das Kapitel Hartz IV Episode und ist keiner näheren Reflexion wert [13]. Das sehen die Demonstrantinnen und Demonstranten von 2004 vielleicht anders, denn das System Hartz IV funktioniert unabhängig von der Tagesform der im Jobcenter Beschäftigten. Es ist eine strukturelle und keine individuelle Macke, die den „zum Amt“ Gehenden begegnet. Deshalb empfand ich es immer wieder ale erhellende Erfahrung, wenn ich eine Betroffene zum Termin begleitet habe, sich die Türe öffnete, der Fallmanager oder die Fallmanagerin uns beide erblickte und ihm/ihr die Kinnlade deutlich erkennbar herunterfiel: „Sch…, heute kann ich mein Programm nicht durchziehen.“ In Darmstadt, wo ich ein Vierteljahrhundert gelebt habe, wußten wir genau, warum wir nie alleine zum Amt gegangen sind. Es hilft ungemein. Solidarität ist eine Waffe.
Irgendwann betrieb sie auch Feldforschung im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Da kannte sie sich aus, wenn ihr auch nochmals bewußt wurde, wie wenig sie die Rituale begreift, die von ausgewiesenen Experten und Expertinnen, also Pfarrerinnen und Pfarrern, vollzogen werden. Sie erfährt von Dämonenaustreibungen, magischem Denken und Grabgestaltung als Ausdruck regelrechten Ahnenkults. Apropos Ahnenkult. Während ich ihr Buch lese, wurden bei Wittichenau in der sächsisch-brandenburgischen Grenzregion, also im sorbischen Kernland, mehrere Wegekreuze bewußt beschädigt. Hier waren weder Christenfeinde noch Metalldiebe am Werk, sondern wohl einige dieser siegheilenden Rabauken. Diese sorbischen Wegekreuze sind ebenso als Teil eines Ahnenkultes zu verstehen.
Die Autorin widmet ihrer Erforschung des Zusammenhangs von Glaubenspraxis und dörflicher Verödung ein ganzes Kapitel. Ihren, wie sie es nennt, Wahrnehmungsspaziergang zum Ertasten des jeweiligen Dorfes beginnt sie … auf dem Friedhof. Spätestens hier empfand ich ihr christliches Sendungsbewußtsein, das aus den Buchzeilen strömt, als penetrant. Ja, es ist nicht meine Welt. Dann lese ich bei ihr davon, daß im Vogtland ein profaner Zweckbau als Kuhstall erbaut wurde. Der Besitzer ließ ihn vom Pfarrer weihen. Er begründete diesen Schritt mit den Worten: „Ohne einen Bezug zu Gott hat das, was wir tun, keinen Sinn.“ Mir kam beim Lesen der Gedanke, ihr habt echt ein Rad ab. Ist das Leben im Vogtland unter kapitalistischen Vorzeichen so schlimm, daß ihr euch ein Paralleluniversum basteln müßt, um einen Sinn für euer Leben zu erkennen? Und verstehe das Vorgehen der DDR-Organe gegen den christlichen Einfluß in der Erziehung noch viel besser … [14]
Die Autorin fand auch die Mutigen. Diejenigen, die ihr Schicksal in die Hand genommen haben. Wie die Eisverkäuferin aus Gößnitz, die ihren Laden erfolgreich betreibt. Wieviel Selbstausbeutung gehört dazu? Als ein gelungenes Beispiel des Eigensinns und der Eigeninitiative nennt sie ein Unternehmen am selben Ort, das Tiefkühlkost vertreibt. 2018, vor der Pandemie, beschäftigte es 26 Mitarbeiter. Erhalten sie den Mindestlohn? Das sind Fragen, die mich bei den sogenannten Erfolgsgeschichten als erste interessieren. Denn Sachsen ist beim Lohnniveau dort, wo die Mezzogiorno-Verfechter es gerne sehen. Ich rede hier sogar vom ausgeprägten „sächsischen Mindestlohn“. Und der geht so: Du bekommtst einen 30 oder 32-Stunden-Vertrag zum Mindestlohn und sollst aber „freiwillig“ vierzig Stunden arbeiten. Daß bei solchen Zumutungen (nicht nur) das Gaststättengewerbe händeringend nach Personal lechzt, weil dieses fluchtartig das Weite sucht, versteht sich von selbst. [15]
Juliane Stückrad präsentiert uns mit einem am Positiven orintierten Blick zwei Erfolgsgeschichten, die der jeweiligen Gemeinde Stolz verleihen sollen. Sie sagt uns nicht, wieviele derartige Versuche gescheitert sind, und das nicht, weil die „Mutigen“ es nicht gebacken bekommen haben. Es sind die Verhältnisse, die über Erfolg und Mißerfolg entscheiden; und wenn du Glück hast, dann stellt sich Erfolg ein. Es ist wie bei der einige Jahre propagierten Ich-AG (aus dem Paket Hartz I), bei der die meisten derartigen Versuche jämmerlich gescheitert sind und außer Schulden und Frustration nichts Positives hinterlassen haben. Auch das sollte die Autorin reflektieren; ansonsten verfällt sie der neoliberalen Ideologie.
Das Buch ist voller derartiger Widerhaken und Leerstellen. Nur wenn wir das, was die Autorin ausläßt, gesellschaftskritisch bei dem mitbedenken, was in der ehemaligen DDR seit 1990 angerichtet worden ist, dann, und nur dann, enthält „die Feldforschung in der Mitte Deutschlands“ (so der Untertitel) einen über das Anekdotische hinausreichenden Sinn. (Wieso eigentlich Mitte? Haben sich die Himmelsrichtungen geändert oder welche Programmatik steckt dahinter?) Denn sie erzählt uns durchaus einiges von Interesse, was ihr auf ihrem Weg vom Thüringen über Brandenburg nach Mecklenburg-Vorpommern so alles begegnet ist. Wir werden zum Mit- und Nachdenken angeregt. Meine eigenen Fragen zu dem mir in vielem immer noch fremden Osten beantwortet Juliane Stückrad jedoch nicht.
Inszenierungen
Religion ist eine Inszenierung. Der Gottesdienst ist eine Inszenierung. Er ist Theater. Eine Show für die Gläubigen. Für die Autorin sind auch Demonstrationen Inszenierungen, ein Brauch der Artikulation von Unmut. (Wenn sie wüßte. Manchmal können Demonstrationen die Welt verändern. Kennt sie die Geschichte der Frauen von Petrograd im März 1917?) Dorffeste betrachtet sie als Inszenierungen lokaler Identität, und sie teilt die Befürchtungen derjenigen nicht, die darin zunehmend austauschbare Events sehen. Kann sie so einordnen, ich bin da eher skeptisch.
Im letzen Kapitel des Teils über die Mutigen erzählt sie vom Theater. Nachdem sie 2008 wieder aus der brandenburgischen Provinz in ihre Heimatstadt Eisenach zurückgekehrt war, wurde sie mit der Realität an eher unerwarteter Stelle konfrontiert. Die betriebswirtschaftliche Optimierung der Staats- und Stadthaushalte machte auch nicht vor dem Kulturklimbim halt. Jede Kostenstelle muß sich rechnen; und Theater ist nun nichts, was der Optimierung der kapitalistischen Gesellschaft hilft. Und es wirft keinen Gewinn ab. Diese Erfahrung muß Kultur an vielen Orten machen; es ist kein wirkliches Ost-Problem. In einer Welt voller Events und Hypes stellt sich auch für die herrschende Klasse die Frage, ob sie die traditionelle Kultur für ihre eigene Selbstinszenierung noch benötigt. Vielleicht kommt es auf den Ort an. Eisenach ist nun einmal nicht der Mittelpunkt des Universums, da geben Oper und Schauspiel keinen unmittelbaren Mehrwert. In Hamburg ist das ganz anders. Da darf die Steuerzahlerin gerne einmal tief in die Tasche langen, um der Kaufmannsgilde einen Kulturtempel der finanziellen Extraklasse zu ermöglichen: die Elbphilharmonie.
Somit ist es wenig verwunderlich, wenn zusammengestrichen und zusammengelegt wird, auch wenn dies in der Sache keinen Sinn ergibt. Eisenach, Gotha, Meiningen, Rudolstadt, Schauspiel, Orchester, Chor, Oper, einerlei. Es wird zusammengewürfelt und wieder auseinanderdividiert. (War McKinsey beteiligt?) Es werden Sachzwänge geschaffen, mit denen man nachher sagen kann: seht her, es funktioniert ja doch nicht, das rentiert sich nicht, da gibt es noch mehr Einsparpotential. Was der Markt nicht schafft, exekutiert die Politik. Denn das Geld, was so ein Theater kostet, wird an anderer Stelle benötigt. Etwa für Steuergeschenke, Subventionen für Investoren, Alimentierung des Erdoğan-Regimes, Päppeln von Energie- und Pharmakonzernen, Rüstung und Betonkathedralen wie Stuttgart 21.
So ein Theater ist mir fast genauso fremd wie ein Gottesdienst. Für mich handelt es sich um ein weiteres Paralleluniversum, sozusagen die Wellnessarena für das Gemüt. Dennoch ist es interessant und lehrreich mitzubekommen, wie der Erhalt oder die Umstrukturierung der Theaterlandschaft diskutiert wird. Inhaltliche Fragen stehen hier hinter finanziellen Aspekten zurück. Wenn sich ein Theater einen berühmten Namen leisten kann, ist es gut für das Image: aber ob das „Produkt“ dann auch etwas taugt, ist eine ganz andere Frage. Es wird also irgendetwas inszeniert, meist nach den Kriterien einer höhergeistigen Bildungsschicht. Das kann dann auch einmal kleinkariert geraten.
Eine dieser Sparbrötchenaktionen brachte Juliane Stückrad dazu, sich für ihr Theater zu engagieren. Partiell erfolgreich. Als es mal wieder heißt, es sei kein Geld da (was immer eine Lüge ist, denn das Geld liegt ja herum, nur nicht für uns), greift sie auf ihren ethnografischen Erfahrungsschatz zurück und inszeniert selbst Protest. Das alleine ist schon lesenswert. Die politische Erpressung durch die staatliche Macht – wenn Sie das an die Presse bringen, dann schaden Sie nur sich selbst – verwundert uns nicht. Das Fürgottgebet, das ihr dabei am wichtigsten war, zeigt nur, daß ohne himmlischen Beistand auch das Theater um das Theater keinen rechten Sinn vermittelt. Manchen Menschen mag Imagination dabei helfen, Kräfte freizusetzen; das können Psychologinnen wohl besser erklären als ich. Dabei zeigt sie selbst auf, wie wenig irgendsoein Gottvertrauen dabei half, ein Wunder zu bewirken. Frau und man muß das schon selbst erledigen; Gott ist anderweitig beschäftigt. Derweil sich die Hartz IV-Demonstranten von 2004 fragen dürften, weshalb diejenigen, denen es besser als ihnen geht, pro Theaterbesuch mit (je nach Institution, Zahlen für Eisenach liegen mir nicht vor) teilweise weit mehr als einhundert Euro subventioniert werden. Die einen werden gefordert und die anderen gefördert. Würde ich noch in Darmstadt leben, hätte ich 2019, wenn ich dreimal in dem Jahr ins Theater gegangen wäre, statistisch das Äquivalent eines monatlichen Hartz IV-Regelsatzes geschenkt bekommen. Nicht übel; und hätte weder eine einzige Bewerbung für den Papierkorb schreiben noch als demütigende Beschäftigungstherapie am Rheinufer Muscheln sammeln und schon gar nicht eine finanziell empfindliche Sanktion befürchten müssen.
Hätten sich 1990 die Utopistinnen und Utopisten gegen die kapitalistische Walze durchgesetzt, dann hätte es die Scharade um das Landestheater in Eisenach nicht gegeben. Es würden vielleicht andere Stücke aufgeführt werden, kritische, die den Status Quo befragen. Die Musik wäre anders und die Chöre würden vielleicht auf Demonstrationen der Freude aufspielen. Eines wäre jedenfalls gewiß anders: die am Eisenacher Theater Beschäftigten hätten (im Gegensatz zu heute; und die Autorin sagt uns vorsichtshalber auch dazu nichts) einen Tarifvertrag, von dem sie leben können. Prekariat ade!
Eine Frage bleibt mir noch: für wen hat sie eigentlich dieses Buch geschrieben? Wenn es ihr bei ihren volkskundlichen Forschungen darauf angekommen war, die richtigen Leute zu treffen, dann handelte es sich um Kirchenvorstände, Bürgermeister oder Ortschronisten. Reicht das aus, um zu begreifen, wie ein Ort tickt? Oder werden nur die üblichen Verdächtigen an den Schaltstellen abgefragt?
„Hatte ich in der Dissertation den Text an ein universitär verortetes Publikum adressiert, so wurde meine Zielgruppe im Zuge der freiberuflichen Forschungsarbeiten wesentlich vielfältiger: Theologen, Kirchenmitarbeiter, Gemeindeglieder, Landes- und Kommunalpolitiker, Mitarbeiter von Stiftungen, Ehrenamtliche gehörten nun zu meinen Adressaten.“ [16]
Die Felderforschten der ersten Generation gehören jedenfalls nicht dazu; dafür ist der Schreibstil und die Sprache viel zu elaboriert. (Hallo, Glashaus!) Soll es als Politikberatung dienen? Dazu bedarf es keines Buches. Geht es um Ehrenamtliche, die ihre Arbeit in Heimatstuben, Kirchenvorständen oder Festkomitees auch einmal gewürdigt sehen wollen? Kann sein. Denn so manches, was sie im ehemaligen Sperrgebiet im Vogtland oder an einem lauschigen See nahe der polnischen Grenze aufgeschrieben hat, läßt sich verallgemeinern. Was mich hingegen irritiert ist, daß sie ab und an für Publikationen der Konrad-Adenauer-Stiftung schreibt. Gewiß, eine seriöse, christlich orientierte Institution. Gäbe es da nicht vielfältige Kontakte zu Opus Dei, anderen christlichen Fundis, rechtsradikalen Burschenschaften; und im Ausland zu allerlei rechten, reaktionären und antiliberalen Gruppierungen und Politikern. Das im einzelnen hier auszuführen, würde zu weit gehen, aber ich begegne dem Wirken der Konrad-Adenauer-Stiftung bei meiner Lektüre immer wieder da, wo progressive. emanzipatorische Bewegungen bekämpft werden. Ich käme nie auf die Idee, einen Beitrag für eine solche Organisation zu verfassen. [17]
Ich sehe da durchaus Parallelen zwischen den Demonstrantinnen in Bautzen, die ihre Freien Sachsen tolerieren, und einer Autorin, die das reaktionäre Gedankengut im Umkreis ihres Mediums ignoriert. Daher muß ich noch einmal das Zitat vom Anfang dieser Besprechung aufgreifen. Die Frage ist demnach nicht, ob das für Gott in Ordnung gewesen ist, sondern für Juliane Stückrad als fromme Christin. War das für Dich in Ordnung? Mir scheint, das war nicht der Fall, und dann ist es reichlich praktisch, psychische Entlastung über eine imaginierte Instanz zu suchen. Das mag helfen, aber lädt zu Wiederholung und Banalisierung ein.
Walter Kuhl
8. November 2022