Koreanische Schrifttafeln.
Reflexionen über die Änderung der Welt
Walter Kuhl
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Proletarischer Internationalismus
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Rezensionen / Buchbesprechungen

Juliane Stückrad : Die Unmutigen, die Mutigen

Buchcover.

Juliane Stückrad : Die Unmutigen, die Mutigen. Feld­forschung in der Mitte Deutsch­lands, Kanon Verlag, Berlin, Herbst 2022, 286 Seiten, € 24,00.

„Nach dem Segen ging der anwesende Pfarrer eilig zu einem Termin, den er an diesem Abend noch wahrzu­nehmen hatte. Ich blieb allein mit der Frau zurück. Meine Teilnahme an dem Gebet hatte so viel Vertrauen geschaffen, dass sie mir bereit­willig von sich und ihrem Engagement in der Gemeinde erzählte. Als ich anschließend in mein Feld­tagebuch schrieb, stellte ich fest, dass ich trotz der Ernst­haftigkeit meiner Gebete diese Situation vor allem als Ethno­login wahrge­nommen hatte, und hoffte inständig, dass das für Gott in Ordnung sei.“ [1]

Für Gott (m/w/d, obwohl es aufgrund des patriarchalen Designs sicherlich „m“ sein muß) sind noch ganz andere Dinge in Ordnung. Die Ordnung dieser Welt zum Beispiel; sein Werk, seine Verant­wortung. Ausbeutung, Kinder­arbeit, Sklaverei, Krieg. Ertrinkende Flüch­tende im Mittelmeer. Mord mit Drohnen in Afghanistan und Pakistan. Guantánamo. Sklavinnenen­haltung in Libyen und beim Islamischen Staat. Evangelikale Jihadisten, christliche Nächsten­liebe katholischer Päderasten. Frauen als Menschen zweiter Klasse in vielen Regionen seiner Schöpfung, schon seit langer langer Zeit. Dem gegenüber sind Juliane Stückrads Probleme so unschein­bar, daß Gott sie getrost ignorieren darf. Zumal er sich sagt: Juliane, angesichts dessen, was Du Dir in Deinem Leben schon so geleistet hast, ist die Instrumenta­lisierung eines Vertrauen schaffenden Gebetes nun wirklich irrelevant. [2]

Interessanter wird es aber, wenn selbiger Gott nur eine gut tradierte Einbildung ist. Dann reden wir hier von Phantom­schmerzen.

Woher der Unmut kommt

Während ich diese Rezension verfasse, hat es in Bautzen wieder einmal gebrannt. Ein Hotel, das schon einmal als Flüchtlings­unterkunft gedient hat und wieder dienen soll, wurde angezündet. Einige Tage zuvor war die AfD vor Ort, am Ort des nach­folgenden Feuers, um christliche Nächsten­liebe zu predigen. Seit Wochen ziehen an jedem Montag­abend zwei­tausend und oftmals auch mehr Frauen und Männer durch die Kleinstadt an der Spree. Manches von dem, was sie bedrückt, mag spinnert erscheinen, manches hat durchaus eine reale Grundlage. Ohnehin ist es in diesem Land nicht verboten, dummes Zeug zu erzählen; davon lebt eine ganze Schar von Poltiker­innen, Klatsch­blättern aus dem profitablen deutschen Verlagswesen und Fernseh­sendern [3]. Mittendrin laufen in Bautzen organisierte Neonazis. Alles ganz normal in der Ober­lausitz. Frau und man stört sich nicht daran. Wenn es nicht die Nachbarn von nebenan sind, dann sind es Zugereiste, die zu einer großen gemein­samen Familie gehören und gemeinsam demonstrieren.

Nach dem Brand­anschlag wurden die üblichen Rituale abgespult. Der sächsische CDU-Innenminister Armin Schuster schaute kurz vorbei, machte einen auf bestürzt und versprach, daß die Täter dafür büßen sollen. Hier würde es helfen, die ganzen mit Steuer­geldern als Verfassungs­schutz­spitzel alimentierten Neonazis zu aktivieren und die Erkenntnisse nach­folgend nicht aus Gründen der Staatsraison zu zer­schreddern wie beim National­sozialis­tischen Unter­grund. Landrat Udo Witschas sprach von versuchtem Mord. „Ich kann nicht glauben, dass Menschen aus unserer Region zu so etwas fähig sind.“ Ach ja? Dabei gibt es doch gute staats­bürger­liche Vorbilder. Wir müssen nur ins gar nicht so ferne Dessau und dort in eine Polizei­zelle schauen. – Derweil trafen sich am Sonntag­morgen auf dem Kornmarkt etwa 100 Menschen zu einer Kund­gebung, um für Welt­offenheit einzutreten. Hundert. Bautzen hatte 2021 knapp 38.000 Bewohner­innen und Bewohner. 1989 waren es noch 52.000. [4]

Woher der Unmut? Ich lebe seit nunmehr sechs Jahren in der Ober­lausitz und finde diese Frage durchaus spannend. Diejenigen, die an jedem Montag durch Bautzen tigern, als Querulant­innen oder Schwurbler abzutun, trifft die Sache nicht. Es hat sicherlich damit zu tun, daß in der Ober­lausitz mehr als zwei Drittel derjenigen, die ihre Wahlzettel noch ausfüllen, CDU oder AfD wählen. Es liegt nicht daran, wie der CDU-Politiker und ehemalige Ostbe­auftragte der Bundes­regierung Marco Wanderwitz in einem FAZ-Podcast meinte kundtun zu müssen, daß wir es hier mit Menschen zu tun haben, die teilweise in einer Form diktatur­sozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen seien. Welche und wessen Demokratie? Wie erklärt er uns dann „König Kurt“ [Biedenkopf] in seinem eigenen Wirkungs­kreis? Eine sächsische Monarchie mit abge­halfterten westlichen CDU-Granden ist ja wohl auch eher vordemo­kratisch. So etwas färbt halt auch auf die neu gewonnenen sächsischen Untertanen ab. Da zeigt Wanderwitz mit seinem Finger lieber … auf andere. [5]

Seit sechs Jahren suche ich für mich die Puzzle­stücke zusammen­zutragen, denn die Erklärung des Unmuts ist nicht eindi­mensional. Im Westen Deutsch­lands macht man oder frau es sich machmal recht einfach damit. Dort heißt es angesichts von Bautzen oder Pegida: am besten Sachsen mit Stachel­draht umgeben oder gleich zumauern. Was kann mir Juliane Stückrad dazu sagen, die seit fast zwei Jahr­zehnten ethno­grafische Studien in der ost­deutschen Provinz betreibt?

Die Bereisung des Feldes

Juliane Stückrad ist ausgebildete Ethnologin und somit auch wissen­schaftlich qualifiziert, volks­kundliche Feld­forschung zu betreiben. Daß dieses Feld im Osten Deutschlands zu finden wäre, war ihr nicht vorgegeben. Erst ein Trip in die Ferne Perus brachte ihr den Reiz der Nähe der eigenen Gefilde nahe. Als gebürtige Thüringerin hatte sie die Wochen und Monate der „Wende“ hautnah miterlebt. Als evangelische Christin hatte sie eine ideologische Distanz zum Regime. Ihr Buch über die Unmutigen, also diejenigen, die ihren Unmut über das zum Ausdruck bringen, was ihnen die Trans­formation von einer SED-Diktatur, wie sie sagt, zum Hartz IV-Regime gebracht hat, die aber auch etwas mutlos erscheinen, und zu den Mutigen, die trotz der Widernisse einen eigenen Weg gefunden haben, ist auch eine Beschreibung der eigenen Erkundung ostdeutscher Wirklich­keit.

Studentinnen mit Ambitionen auf eine wissen­schaftliche Karriere benötigen ein Thema, an dem sie sich beweisen müssen, und eine Doktor­mutter, die darauf achtet, daß das Thema auch einen Abschluß findet. Doch zunächst rät ihr ein ungenannt bleibender und aus dem Westen stammender Professor an der Universität Leipzig, sich mit dem Schimpfen der Menschen in Ost­deutschland zu befassen, und verwies sie an eine nun wiederum namentlich genannte Kollegin an der Universität Jena. Anonym werden in der Folge viele der Stationen der Forscherin­tätigkeit bleiben. Die Dörfer heißen N. oder L., und ein Städtchen E.-Stadt. Einen tieferen Sinn kann ich darin nicht erkennen. Die Orte sind in der Regel leicht anhand ihrer eigenen Publikationen zu rekon­struieren; und das gilt auch für die Eisver­käuferin in G., die in Gößnitz DDR-Softeis herstellt. Im Gegensatz zu dieser Pseudo­anonymisierung ist die Anonymisierung ihrer viel­fältigen Gesprächs­partnerinnen und Gewähr­sleute wohl eher sinnvoll. So am Anfang ihrer Feld­forschung im Süden Branden­burgs, wenn die Teilneh­merinnen und Teilnehmer auf einer Demon­stration gegen die Hartz-IV-Schikanen die vermeint­lich oder wirklich Verantwort­lichen für die Zerschla­gung der DDR-Wirtschaft und die damit verbundene Arbeits- und Perspektiv­losigkeit an liebsten aufhängen oder ihnen zumindest eins auf die Schnauze hauen wollen.

Das Schimpfen im Post­sozialismus, wie sie die Nach­wendezeit nennt, ist kein Phänomen aus nur dieser Zeit. Sie führt es zurück auf die DDR-Verhältnisse, in denen es aufgrund des allgegen­wärtigen Spitzelwesens und damit verbundenen Mißtrauens als sinnvoll erschien, die oder den Gegenüber vorsichtig abzuklopfen; und da war ein eher unspezi­fisches Schimpfen und Nörgeln hilfreich. Leider thematisiert sie im Buch nicht, ob diese Ange­wohnheit wirklich typisch ostdeutsch ist und ob sie gar einen Vorgänger in der NS-Zeit besessen hat oder in früheren Ausbeutungs­verhältnissen entstanden ist. Vielleicht gibt es dazu Hinweise in ihren wissen­schaftlichen Publikationen. Denn eines ist ihr Buch über den Unmut und Mut sicher nicht: eine trockene wissen­schaftliche Abhandlung.

Ganz im Gegenteil. Im Laufe ihrer Forschungen kommt sie an den Punkt der Erkenntnis, daß ethnografisches Schreiben mehr mit Poesie zu tun haben sollte; folglich nimmt sie uns mit zum Sonnen­untergang in Süd­brandenburg, in Autobahn­staus, Handyfunk­löcher oder auf verschlissene Polster­möbel; und wir dürfen ihr dabei beiwohnen, wie sie sich einen Strammen Max bestellt, ein DDR-Softeis schlürft oder den gutren sächsischen Kuchen verspeist. Auch ihren Kleiderschrank, vollgestopft mit Akten, dürfen wir inspizieren. Die Umwelt sinnlich zu erfahren heißt dann auch, sie sinnlich zu berschreiben.

Doch zurück zu den Schimpfenden. Nach 1989 entfiel mit dem SED-Regime eine wesentliche Funktion des Schimpfens; und es bleibt ein, wie sie sagt, oft zu hörender Gedanke: „Heute kann man alles sagen, aber es interessiert keinen mehr.“ Das mag vor zwanzig Jahren noch so gewesen sein. Ob Ossis geschimpft oder gejammert haben, interessierte nur das Feuilleton, um sich darüber lustig zu machen; die Dampfwalze der westlichen Aneignung des DDR-Vermögens ging einfach darüber hinweg. Aber heute ist ein solcher Satz blanker Unsinn. Wenn heute gesagt wird, was frau und man will, dann kommt eine andere Dampfwalze, auch shitstorm genannt, und bügelt den Unmut auf ost­deutschen Straßen und Plätzen vollkommen undifferen­ziert als Schwurbelei, Querdenkertum, Putin-Verstehen oder Corona-Leugnen ab, so als gäbe es keine reale Grundlage für die sich dort artikulierende Dissidenz. Im Gegensatz zu dem, was Juliane Stückrad die „SED-Diktatur“ nennt, können die heutigen Eliten auf eine eingespielte Medien­maschinerie zurück­greifen, die nicht – wie auf Kundgebungen im Osten mitunter zu hören ist – gleich­geschaltet ist. Es sind auch keine Staatsmedien, auch die öffentlich-rechtlichen als Spezialfall nicht. Es ist banaler: aufgrund gemeinsamer wirtschaftl­icher und politischer Interessen ihrer Eigentümerinnen und Eigentümer trommeln sie gleich­förmig und im Stakkato abweichende Meinungen nieder. Polizei und Justiz werden nur ausnahms­weise benötigt. [6]

Abschweifende Gedanken zu einer Diktatur

Im Gegensatz zur Autorin bin ich kein ausgebildeter Feldforscher, aber auch ich höre genau zu. Ich nehme die Menschen meiner Umgebung ernst und habe deswegen fast durchweg freundliche und hilfsbereite Nachbarinnen und Nachbarn gefunden. Daß ich aus dem Westen komme, spielt überhaupt keine Rolle. Es ist eine Sache, von Mißachtung, Verdrängung, Demütigung und Entrechtung in Büchern oder Zeitschriften zu lesen, aber eine andere, davon von Menschen, die man mögen gelernt hat, auch sinnlich zu erfahren. Sie leiden. Wie zum Beispiel eine Nachbarin davon berichtete, daß sie nach dem Schul­abschluß einen Ausbildungs­platz gesucht hat. Bei der Berufs­beratung im Arbeitsamt wurden vor ihr zwei Stapel mit Broschüren auf den Tisch gelegt. Links waren Ausbildungs- und Arbeits­plätze in Österreich, rechts diejenigen in der Schweiz. Vor Ort, so wurde ihr gesagt, gibt es nichts. Sie sollte regelrecht aus ihrer Heimat vertrieben werden. Verwundert es da so sehr, daß ganze Scharen von Job­suchenden die blühenden Landschaften plattgewalzter sozialer Einöde verlassen haben, um ihr Glück im goldenen Westen zu suchen? Ganze Regionen wurden entvölkert wie im Mittelalter bei einer Seuche oder in einem Krieg. Ein Drittel der Menschen, manchmal auch mehr, sind nicht mehr da; augenfällig wird dies, wenn bestimmte Jahrgänge schlicht fehlen.

Ich fragte also einen anderen Nachbarn, ob die DDR eine Diktatur gewesen sei. Er schaute mich eingehend an und meinte dann: „Das ist aus dem Westen, nicht wahr?“ Genau das ist der Punkt. Ob ein Regime als demokratisch oder diktatorisch gilt, oder eher: zu gelten hat, ist eine normative Fest­legung. Die Totalitarismus­theorie, die den National­sozialismus und (imaginierten) Kommunismus gleich- und in einen Gegensatz zur wohlent­wickelten bürger­lichen Demokratie setzt, ist wissen­schaftlich haltlos und ideologisch. Was immer diktatorisch an der DDR unter der Führung der SED gewesen sein mag – es ist nicht schwer, das Pendant im demo­kratischen Westen zu finden. Einige Beispiele gefällig?

  • Allgegen­wärtige Über­wachung durch das Ministerium für Statts­sicherheit. Edward Snowdon hat uns die NSA nahe­gebracht und konnte seinen Häschern gerade noch entkommen. Gegen deren Fähig­keiten war die Stasi eine Bande von Amateuren (wenn auch wirkungs­mächtig).
  • Todesschüsse an den Grenzen der DDR. Frau und man schaue nach Israel an die Grenze zu den besetzten palästinen­sischen Gebieten oder an die berüchtigte Südgrenze der USA zu Mexiko. Wir haben sicher noch die Bilder im Kopf, als schwer­bewaffnetes polnisches Militär unbewaffnete und frierende Männer, Frauen und Kinder im Winter 2021/22 daran hinderte, aus Belarus einzu­wandern. Von den Machen­schaften von Frontex und den selbst nach westlichen rechtlichen Maßstäben illegalen Pushbacks von Flüchtenden im Mittelmeer ganz zu schweigen. Das EU-Grenz­regime rund um das Mittelmeer ist alleine 2022 für den Tod von mehr als fünf­tausend ertrunkenen Menschen verant­wortlich. Kann die DDR da mithalten? Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur hier nur in der Hautfarbe der Erschossenen, Erfrorenen oder Ertrunkenen. [7]
  • Der Hochsicherheits­knast in Bautzen. Auch in den USA und West­deutschland wurden in den 1970er und 1980er Jahren Hochsicherheits­gefängnisse oder -trakte erbaut, die zum Export­schlager beispiels­weise nach Spanien oder die Türkei gerieten. Das abstoßendste Beispiel stammt jedeoch aus den USA und befindet sich auf einem illegal besetzten Gelände auf Kuba – das Folter­gefängnis in Guantánamo. Gar nicht so erstaunlicher­weise hatt Annalena Baerbock deswegen noch nicht zum feministischen Menschen­rechts-Jihad aufgerufen.
  • Der 17. Juni 1953. Während des algerischen Befreiungs­kriegs wurden im Oktober 1961 in Paris anläßlich einer friedlichen Demonstration zehn­tausender Algerierinnen und Algerier vermutlich mehr als 200 Menschen als Staats­verbrechen brutal ermordet, das sogenannte Massaker von Paris. In den USA unterhielt das FBI seit Mitte der 1950er Jahre das sogenannte Counter­intelligence Program, das gezielt gegen politische Dissidenz gerichtet war. Zu den Methoden dieses Programms gehörte politischer Mord oder das Fabrizieren von (erfundenen) Anklagen, die Mitglieder militanter schwarzer und indigener Organisationen für Jahr­zehnte in den Knast bringen sollten; etwa Angela Davis, Leonard Peltier oder Mitglieder der Black Panther Party. Groß­britannien und Spanien unter­hielten in den 1970er und 1980er Jahren Todes­schwadronen. Der Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 geschah im Anschluß an die Zerschlagung einer friedlichen Kund­gebung vor der Deutschen Oper in Berlin. Anlaß war der Besuch eines guten Freundes der Demokratie – der sein Land mit selbst­verständlicher Unterstützung der USA knechtende autokratische Schah von Persien. In trauter Zusammen­arbeit knüppelten die Berliner Polizei und die Jubelperser des SAVAK-Geheim­dienstes auf die wehrlosen Demonstran­tinnen und Demonstranten ein. Dieser Mord brachte das post­faschistische Faß in Berlin und dann der ganzen jungen Bundes­republik zur Explosion. Ähnlich­keiten zum Mord an einer jungen Kurdin im Iran sind alles andere als zufällig. [8]
  • Die SED als führende Partei, deren Weisungen alles unterlag. Johannes Agnoli schrieb 1967 das wohl fundierteste kriitsche Werk über den westlichen Parlamen­tarismus, die Transformation der Demokratie, und nannte darin das westliche Parteien­system die plurale Fassung einer Einheits­partei. Während im demokratischen Westen nicht „das Volk“, sondern die Wirtschaft die Leitlinien der Politik bestimmt, fehlte im „Realen Sozialismus“ ein derartiger Mechanismus, weswegen eine Stellvertreter­organisation, „die Partei“, an deren Stelle trat. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben schon 1848 im Manifest der Kommu­nistischen Partei: „Die moderne Staats­gewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemein­schaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeois­klasse verwaltet.“ Das war seinerzeit mehr hellsichtig als real, denn nur Groß­britannien und die USA gehörten damals zu den entwickelten kapita­listischen Staaten. Heute ist dies evident.

Tanten

Juliane Stückrad stammt aus einem christlich-evangelischen Elternhaus. Mit dem unchristlichen Regime der DDR konnte sie nichts anfangen und wollte sich damit auch nicht abfinden. Sie empfand das Christsein als etwas Subversives. Ähnlich muß das auch die SED gesehen haben. Folglich wurden junge Menschen, die sich aktiv zum Christentum bekannten und sich konfirmieren ließen, von bestimmten Berufen, etwa als Erzieherin oder Lehrer ferngehalten. Ist das so schwer zu verstehen? Warum soll eine Gesellschaft heran­wachsende Kinder an Menschen ausliefern, die mit einem erfundenen Gott und einer daran anknüpfenden Ideologie und Liturgie junge Seelen indoktrinieren? Haben die christlichen Kirchen und Werte in den vergangenen zwei­tausend Jahren nicht genügend Unheil angerichtet? Was können Kinder von Pädago­ginnen und Pädagogen lernen, die sich immer noch auf Martin Luther berufen, einem bekennenden Antisemiten und Feind der damaligen Dissidenz, der ausge­beuteten und unter­drückten Bäuerinnen und Bauern des 16. Jahrhunderts?

In einer Demokratie hingegen werden konformistische Christinnen und Christen selbst­redend nicht an der Ausübung eines solchen Berufes gehindert; stattdessen aber die imganisierten Feinde der demokratischen Ordnung, die im Westen bei den Nach-1968er Linken verortet wurden. Zur gleichen Zeit, als Willy Brandt das Motto ausgab, mehr Demokratie wagen zu wollen, machten in der Bundes­republik mit seiner Einwilligung Tausende von Berufs­verboten den Lebenstraum angehender Lehrerinnen und Pädagogen zunichte, Das gesell­schaftliche Klima war derart aufgeheizt, daß damals noch als seriös geltende Zeitschriften wie der „Spiegel“ oder der „Stern“, oder Zeitungen wie die „Frankfurter Rundschau“, die Demokratie in Gefahr sahen. [9]

Dies alles muß Juliane Stückrad nicht wissen, denn sie ist ein Kind des Ostens. Sie hat die östliche Pädagogik genossen, dröge genug. Beim Besuch eines DDR-Museums auf Usedom begegnete sie ihrer Kindheit. „Auf einmal spürte ich wieder die Enge des sozialistischen Kinder­gartens mit seinen strengen ‚Tanten‘, deren Aufgabe es war, uns zu Disziplin und Ordnung zu erziehen.“ [10] Wurde ihr dort zu wenig gesungen, fehlte ihr das vertraute christliche Liedgut, bei dem ich schreiend davon­gelaufen wäre? Vielleicht wäre sie lieber in einen christlichen Kindergarten oder einem Verschickungs­heim im Westen gewesen, bei der Kinder von christlichen „Tanten“ gequält wurden? Darüber könnte sie ja einmal mit Anja Röhl philosophieren. Wie gesagt, das muß sie alles nicht wissen. Dann ergeht es ihr so, wie dem Besitzer eines Trabanten, der sein Automobil mit der Aufschrift „Die Welt ist in Ordnung, nur in Deutsch­land nicht.“ versehen hatte. Und sie schreibt dazu:

„Sein Unmut blieb an den Grenzen Deutsch­lands hängen, und da er sich jenseits dieser nicht nieder­schlug, musste dort auch die Welt in Ordnung sein. Die Rück­seite des Trabbis war damit ein Argument für meine These, dass nicht nur die Auseinander­setzung mit der Welt Unmut verursacht, sondern der Unmut auch die Wahr­nehmung der Welt bestimmt.“ [11]

Wie wahr! Nur läßt sich dieser Gedanke auch auf den Umgang der Autorin mit ihrer DDR-Vergangen­heit und der damit verbundenen Wahr­nehmung ihres sozialen Feldes übertragen. Das eigene Feld ist nur durch den Vergleich mit dem außerhalb des Feldes Befindlichen zu verstehen. Sie nimmt ihre DDR als etwas Feindliches wahr, weil ihr die Relation zu der Monstrosität des darüber hinaus gehenden Gefildes fehlt. Vielleicht ist ihre Einsicht, auch West­deutschland ethno­grafisch erkunden zu müssen, ein Schritt in die richtige Richtung.

Im Gegensatz zu Juliane Stückrad haben viele Menschen in der DDR ihr Land anders wahr­genommen, teilweise sogar einen gewissen Stolz auf das Erreichte entwickelt. Das waren nicht nur SED-Funktionäre. Das ging weit darüber hinaus. Arbeiterinnen- und Arbeiter­kinder hatten auf einmal ganz reale Aufstiegs­schancen. Chancen, die sie im Westen nicht hatten. Wer im Westen aufs Gymnasium wollte oder sollte, entschied sich am Stallgeruch. Das war vielleicht in der DDR auch so, nur war es ein anderer Stall. Ist das verwerflich? Im Westen begann sich das erst in den 1970er Jahren zu ändern, doch heute wird Bildung längst wieder selektiv gehandhabt. Im Januar 1990 traf ich in Tübingen auf einige Mitglieder der Vereinigten Linken. Sie erzählten vom Aufbruch in der DDR, und sie wollten eine bessere, demokra­tischere DDR aufbauen und keine kapita­listische Kopie oder gar Kolonie. Naiv, gewiß, denn die Würfel waren längst gefallen. Der König von Sachsen war schon ausgeguckt. Aber das mit einem solchen Aufbruch verbundene Lebens­gefühl war weit verbreitet. Juliane Stückrad erzählt uns nur von dem ihrigen, ganz individua­listisch: Reisen können, Partys feiern, sich verlieben. Das hätte sie in der DDR natürlich nicht haben können, denn die diktatorische SED hätte die Liebe ganz sicher verboten. Daß es um etwas ganz Anderes gehen könnte, nämlich eine ganze Gesellschaft nach den eigenen Vorstellungen aufzubauuen, ohne Parteibonzen und ohne profitgeile Investoren, das kommt ihr wohl nicht in den Sinn. Utopisch? Ja sicher. Aber vielleicht besser als das menschliche Elend, die zerstörten Träume, die verödeten Dörfer und die „blühenden Land­schaften“ aus sozialer Kälte, Asphalt und Beton der letzten dreißig Jahre. In einer solchen Gesellschaft hätten im übrigen Neonazis keinen Platz.

Widerhaken

Ich lese das Buch, und je länger ich darin lese, desto mehr befürchte ich, der Autorin bei meiner noch zu schreibenden Besprechung Unrecht zu tun. Ich weiß, es wird harsch, vielleicht zu harsch. Denn sie entwickelt für uns gut nachvoll­ziehbar ihre Erfahrungen und Erkennt­nisse, aber auch die Entwicklung ihres eigenen Verständ­nisses über all die Jahre hinweg, was ich als positiv erachte. Es ist nicht dasselbe, als würde sie in einer wissen­schaftlichen Arbeit die Methodik vorstellen, mit der sie ihre Arbeit angeht. Es ist etwas ganz Anderes, es ist der menschliche Aspekt. Sie erfährt Fremdheit und fürchtet sich davor, überwindet sie aber dadurch, daß sie sich auch auf das Unan­genehme einläßt. Wenn ihr jugendliche Rabauken in einschlägiger Kleidung begegnen, die „Sieg Heil!“ grölen, dann ist das nicht unbedingt das, was ihr Wohl­behagen beim Verfassen ihres Feldtage­buchs verschafft, aber es gehört zum Osten dazu. Ich empfinde ihre Geschichten als ungemein reflektiert, auch hinsicht­lich ihrer eigenen Invol­viertheit und Befangen­heit in das ethnografische Feld, in das sie eintritt. Sie kommt zwar von außen, wird vom „Dorfauge“ auch so wahrge­nommen, aber in dem Moment, in dem sie das Dorf und das zu beackernde (Forscherinnen-)Feld betritt, verändert sie es auch. Und sich selbst.

Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Leerstellen, oder zumindest nicht Gesagtes, was ihrer – ja, wie soll ich es nennen? – ideologischen Position entspringt. Sie ist eine fromme Christin und heute Stadt­rätin der SPD in Eisenach. Sie vertritt herrschende Werte, manchmal bewußt, häufig jedoch unbewußt.

Sie schildert die Hartz IV-Demon­strationen in Süd­brandenburg 2004, ohne zu erwähnen, daß ihre Partei das Elend von und mit Hartz IV mitver­schuldet hat. Gewiß, sie hat diese Auftrags­arbeit für das west­deutsche Kapital nicht verbrochen oder daran mitgewirkt; aber wie sie heute dazu steht, erfahren wir auch nicht. Immerhin durfte sie auch persön­lich Bekannt­schaft mit dem Hartz IV-Regime machen. Als Ossi blieb sie nicht von den prekären Bedingungen der Nach­wendezeit verschont. Sie erwähnt nirgends, daß die westlichen Eliten 1989, als das Zerbröseln der DDR greifbar war, alte Pläne aus den Schubladen holten, um die DDR als quasi eigenes Mezzogiorno einzu­kassieren. Daß die ehemalige DDR zum Niedrig­lohnland innerhalb der gesamt­deutschen Republik verkam, ist keine Fehl­leistung, sondern war so gewollt. Die Treuhand war das Vehikel [12]. Die Treuhand kommt im Buch auch nicht vor, obwohl sie wesentlich für das von Juliane Stückrad zu beackernde Forschungs­gebiet ist. Wer derart wesentliche Teile auläßt, kann das Ganze nicht verstehen. Und will es auch nicht? Jedenfalls, 2014 endete ihr Prekariat, das sich von Job zu Job Hangeln, und sie wird arbeitslos.

Im Jobcenter wurden ihr die „Folter­instrumente“ (ihre Worte, nicht meine) gezeigt und sie empfand den Striptease vor ihrer Fall­managerin als demütigend. Ist es ja auch. In ihren damaligen eigenen Worten: „Wer noch kein Staatsfeind ist, wird es spätestens nach dem Besuch auf dem Arbeitsamt.“ Die Wut der Arbeitslosen auf den Demon­strationen von 2004 bekommt ein Gesicht. Das Programm „Fordern und Fördern“ reduzierte sich für sie auf den einfachen Nenner – Fordern. Ich habe vor das vielen Jahren etwas poetischer ausgedrückt: Fordern und Fordern. Doch das Glück war ihr hold und sie gerät an einen anderen Betreuer, der sich ihr verständnis­voll zuneigt und ihr eine neue Perspektive verschafft. Alles ist gut. Ist alles gut? Für die Autorin schon, und deshalb bleibt das Kapitel Hartz IV Episode und ist keiner näheren Reflexion wert [13]. Das sehen die Demon­strantinnen und Demonstranten von 2004 vielleicht anders, denn das System Hartz IV funktioniert unab­hängig von der Tagesform der im Jobcenter Beschäftigten. Es ist eine strukturelle und keine individuelle Macke, die den „zum Amt“ Gehenden begegnet. Deshalb empfand ich es immer wieder ale erhellende Erfahrung, wenn ich eine Betroffene zum Termin begleitet habe, sich die Türe öffnete, der Fallmanager oder die Fallmanagerin uns beide erblickte und ihm/ihr die Kinnlade deutlich erkennbar herunter­fiel: „Sch…, heute kann ich mein Programm nicht durchziehen.“ In Darmstadt, wo ich ein Vierteljahr­hundert gelebt habe, wußten wir genau, warum wir nie alleine zum Amt gegangen sind. Es hilft ungemein. Solidarität ist eine Waffe.

Irgendwann betrieb sie auch Feld­forschung im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Da kannte sie sich aus, wenn ihr auch nochmals bewußt wurde, wie wenig sie die Rituale begreift, die von ausge­wiesenen Experten und Expertinnen, also Pfarrerinnen und Pfarrern, vollzogen werden. Sie erfährt von Dämonen­austreibungen, magischem Denken und Grab­gestaltung als Ausdruck regelrechten Ahnenkults. Apropos Ahnenkult. Während ich ihr Buch lese, wurden bei Wittichenau in der sächsisch-branden­burgischen Grenzregion, also im sorbischen Kernland, mehrere Wegekreuze bewußt beschädigt. Hier waren weder Christen­feinde noch Metalldiebe am Werk, sondern wohl einige dieser sieg­heilenden Rabauken. Diese sorbischen Wegekreuze sind ebenso als Teil eines Ahnenkultes zu verstehen.

Die Autorin widmet ihrer Erforschung des Zusammen­hangs von Glaubens­praxis und dörflicher Verödung ein ganzes Kapitel. Ihren, wie sie es nennt, Wahrnehmungs­spaziergang zum Ertasten des jeweiligen Dorfes beginnt sie … auf dem Friedhof. Spätestens hier empfand ich ihr christliches Sendungs­bewußtsein, das aus den Buchzeilen strömt, als penetrant. Ja, es ist nicht meine Welt. Dann lese ich bei ihr davon, daß im Vogtland ein profaner Zweckbau als Kuhstall erbaut wurde. Der Besitzer ließ ihn vom Pfarrer weihen. Er begründete diesen Schritt mit den Worten: „Ohne einen Bezug zu Gott hat das, was wir tun, keinen Sinn.“ Mir kam beim Lesen der Gedanke, ihr habt echt ein Rad ab. Ist das Leben im Vogtland unter kapitalis­tischen Vorzeichen so schlimm, daß ihr euch ein Parallel­universum basteln müßt, um einen Sinn für euer Leben zu erkennen? Und verstehe das Vorgehen der DDR-Organe gegen den christlichen Einfluß in der Erziehung noch viel besser … [14]

Die Autorin fand auch die Mutigen. Diejenigen, die ihr Schicksal in die Hand genommen haben. Wie die Eisverkäuferin aus Gößnitz, die ihren Laden erfolgreich betreibt. Wieviel Selbst­ausbeutung gehört dazu? Als ein gelungenes Beispiel des Eigensinns und der Eigen­initiative nennt sie ein Unternehmen am selben Ort, das Tief­kühlkost vertreibt. 2018, vor der Pandemie, beschäftigte es 26 Mitarbeiter. Erhalten sie den Mindestlohn? Das sind Fragen, die mich bei den sogenannten Erfolgs­geschichten als erste interessieren. Denn Sachsen ist beim Lohnniveau dort, wo die Mezzogiorno-Verfechter es gerne sehen. Ich rede hier sogar vom ausgeprägten „sächsischen Mindestlohn“. Und der geht so: Du bekommtst einen 30 oder 32-Stunden-Vertrag zum Mindestlohn und sollst aber „freiwillig“ vierzig Stunden arbeiten. Daß bei solchen Zumutungen (nicht nur) das Gaststätten­gewerbe hände­ringend nach Personal lechzt, weil dieses fluchtartig das Weite sucht, versteht sich von selbst. [15]

Juliane Stückrad präsentiert uns mit einem am Positiven orintierten Blick zwei Erfolgs­geschichten, die der jeweiligen Gemeinde Stolz verleihen sollen. Sie sagt uns nicht, wieviele derartige Versuche gescheitert sind, und das nicht, weil die „Mutigen“ es nicht gebacken bekommen haben. Es sind die Verhält­nisse, die über Erfolg und Mißerfolg entscheiden; und wenn du Glück hast, dann stellt sich Erfolg ein. Es ist wie bei der einige Jahre propagierten Ich-AG (aus dem Paket Hartz I), bei der die meisten derartigen Versuche jämmer­lich gescheitert sind und außer Schulden und Frustration nichts Positives hinter­lassen haben. Auch das sollte die Autorin reflektieren; ansonsten verfällt sie der neoliberalen Ideologie.

Das Buch ist voller derartiger Widerhaken und Leerstellen. Nur wenn wir das, was die Autorin ausläßt, gesellschafts­kritisch bei dem mitbedenken, was in der ehemaligen DDR seit 1990 angerichtet worden ist, dann, und nur dann, enthält „die Feld­forschung in der Mitte Deutsch­lands“ (so der Untertitel) einen über das Anekdotische hinaus­reichenden Sinn. (Wieso eigentlich Mitte? Haben sich die Himmels­richtungen geändert oder welche Programmatik steckt dahinter?) Denn sie erzählt uns durchaus einiges von Interesse, was ihr auf ihrem Weg vom Thüringen über Branden­burg nach Mecklen­burg-Vorpommern so alles begegnet ist. Wir werden zum Mit- und Nachdenken angeregt. Meine eigenen Fragen zu dem mir in vielem immer noch fremden Osten beantwortet Juliane Stückrad jedoch nicht.

Inszenierungen

Religion ist eine Inszenierung. Der Gottesdienst ist eine Inszenierung. Er ist Theater. Eine Show für die Gläubigen. Für die Autorin sind auch Demon­strationen Inszenierungen, ein Brauch der Artikulation von Unmut. (Wenn sie wüßte. Manchmal können Demonstrationen die Welt verändern. Kennt sie die Geschichte der Frauen von Petrograd im März 1917?) Dorffeste betrachtet sie als Inszenierungen lokaler Identität, und sie teilt die Befürch­tungen derjenigen nicht, die darin zunehmend austauschbare Events sehen. Kann sie so einordnen, ich bin da eher skeptisch.

Im letzen Kapitel des Teils über die Mutigen erzählt sie vom Theater. Nachdem sie 2008 wieder aus der branden­burgischen Provinz in ihre Heimat­stadt Eisenach zurück­gekehrt war, wurde sie mit der Realität an eher unerwarteter Stelle konfrontiert. Die betriebs­wirtschaftliche Optimierung der Staats- und Stadt­haushalte machte auch nicht vor dem Kultur­klimbim halt. Jede Kostenstelle muß sich rechnen; und Theater ist nun nichts, was der Optimierung der kapitalis­tischen Gesell­schaft hilft. Und es wirft keinen Gewinn ab. Diese Erfahrung muß Kultur an vielen Orten machen; es ist kein wirkliches Ost-Problem. In einer Welt voller Events und Hypes stellt sich auch für die herrschende Klasse die Frage, ob sie die traditionelle Kultur für ihre eigene Selbst­inszenierung noch benötigt. Vielleicht kommt es auf den Ort an. Eisenach ist nun einmal nicht der Mittel­punkt des Universums, da geben Oper und Schauspiel keinen unmittel­baren Mehrwert. In Hamburg ist das ganz anders. Da darf die Steuer­zahlerin gerne einmal tief in die Tasche langen, um der Kaufmanns­gilde einen Kultur­tempel der finanziellen Extraklasse zu ermöglichen: die Elbphilharmonie.

Somit ist es wenig verwunder­lich, wenn zusammen­gestrichen und zusammen­gelegt wird, auch wenn dies in der Sache keinen Sinn ergibt. Eisenach, Gotha, Meiningen, Rudolstadt, Schauspiel, Orchester, Chor, Oper, einerlei. Es wird zusammen­gewürfelt und wieder auseinander­dividiert. (War McKinsey beteiligt?) Es werden Sach­zwänge geschaffen, mit denen man nachher sagen kann: seht her, es funktioniert ja doch nicht, das rentiert sich nicht, da gibt es noch mehr Einspar­potential. Was der Markt nicht schafft, exekutiert die Politik. Denn das Geld, was so ein Theater kostet, wird an anderer Stelle benötigt. Etwa für Steuer­geschenke, Subventionen für Investoren, Alimentierung des Erdoğan-Regimes, Päppeln von Energie- und Pharma­konzernen, Rüstung und Beton­kathedralen wie Stuttgart 21.

So ein Theater ist mir fast genauso fremd wie ein Gottesdienst. Für mich handelt es sich um ein weiteres Parallel­universum, sozusagen die Wellness­arena für das Gemüt. Dennoch ist es interessant und lehrreich mitzu­bekommen, wie der Erhalt oder die Umstruktu­rierung der Theater­landschaft diskutiert wird. Inhaltliche Fragen stehen hier hinter finanziellen Aspekten zurück. Wenn sich ein Theater einen berühmten Namen leisten kann, ist es gut für das Image: aber ob das „Produkt“ dann auch etwas taugt, ist eine ganz andere Frage. Es wird also irgendetwas inszeniert, meist nach den Kriterien einer höher­geistigen Bildungs­schicht. Das kann dann auch einmal kleinkariert geraten.

Eine dieser Sparbrötchen­aktionen brachte Juliane Stückrad dazu, sich für ihr Theater zu engagieren. Partiell erfolgreich. Als es mal wieder heißt, es sei kein Geld da (was immer eine Lüge ist, denn das Geld liegt ja herum, nur nicht für uns), greift sie auf ihren ethno­grafischen Erfahrungs­schatz zurück und inszeniert selbst Protest. Das alleine ist schon lesenswert. Die politische Erpressung durch die staatliche Macht – wenn Sie das an die Presse bringen, dann schaden Sie nur sich selbst – verwundert uns nicht. Das Fürgott­gebet, das ihr dabei am wichtigsten war, zeigt nur, daß ohne himmlischen Beistand auch das Theater um das Theater keinen rechten Sinn vermittelt. Manchen Menschen mag Imagination dabei helfen, Kräfte freizusetzen; das können Psychologinnen wohl besser erklären als ich. Dabei zeigt sie selbst auf, wie wenig irgendsoein Gott­vertrauen dabei half, ein Wunder zu bewirken. Frau und man muß das schon selbst erledigen; Gott ist anderweitig beschäftigt. Derweil sich die Hartz IV-Demon­stranten von 2004 fragen dürften, weshalb diejenigen, denen es besser als ihnen geht, pro Theater­besuch mit (je nach Institution, Zahlen für Eisenach liegen mir nicht vor) teilweise weit mehr als ein­hundert Euro subventioniert werden. Die einen werden gefordert und die anderen gefördert. Würde ich noch in Darmstadt leben, hätte ich 2019, wenn ich dreimal in dem Jahr ins Theater gegangen wäre, statistisch das Äquivalent eines monatlichen Hartz IV-Regelsatzes geschenkt bekommen. Nicht übel; und hätte weder eine einzige Bewerbung für den Papierkorb schreiben noch als demütigende Beschäftigungs­therapie am Rheinufer Muscheln sammeln und schon gar nicht eine finanziell empfindliche Sanktion befürchten müssen.

Hätten sich 1990 die Utopistinnen und Utopisten gegen die kapitalis­tische Walze durchgesetzt, dann hätte es die Scharade um das Landes­theater in Eisenach nicht gegeben. Es würden vielleicht andere Stücke aufgeführt werden, kritische, die den Status Quo befragen. Die Musik wäre anders und die Chöre würden vielleicht auf Demon­strationen der Freude aufspielen. Eines wäre jedenfalls gewiß anders: die am Eisenacher Theater Beschäftigten hätten (im Gegensatz zu heute; und die Autorin sagt uns vorsichts­halber auch dazu nichts) einen Tarifvertrag, von dem sie leben können. Prekariat ade!

Eine Frage bleibt mir noch: für wen hat sie eigentlich dieses Buch geschrieben? Wenn es ihr bei ihren volks­kundlichen Forschungen darauf angekommen war, die richtigen Leute zu treffen, dann handelte es sich um Kirchen­vorstände, Bürger­meister oder Orts­chronisten. Reicht das aus, um zu begreifen, wie ein Ort tickt? Oder werden nur die üblichen Verdächtigen an den Schaltstellen abgefragt?

„Hatte ich in der Dissertation den Text an ein universitär verortetes Publikum adressiert, so wurde meine Zielgruppe im Zuge der frei­beruflichen Forschungs­arbeiten wesentlich vielfältiger: Theologen, Kirchen­mitarbeiter, Gemeinde­glieder, Landes- und Kommunal­politiker, Mitarbeiter von Stiftungen, Ehren­amtliche gehörten nun zu meinen Adressaten.“ [16]

Die Felder­forschten der ersten Generation gehören jedenfalls nicht dazu; dafür ist der Schreibstil und die Sprache viel zu elaboriert. (Hallo, Glashaus!) Soll es als Politik­beratung dienen? Dazu bedarf es keines Buches. Geht es um Ehren­amtliche, die ihre Arbeit in Heimatstuben, Kirchen­vorständen oder Fest­komitees auch einmal gewürdigt sehen wollen? Kann sein. Denn so manches, was sie im ehemaligen Sperrgebiet im Vogtland oder an einem lauschigen See nahe der polnischen Grenze aufge­schrieben hat, läßt sich verall­gemeinern. Was mich hingegen irritiert ist, daß sie ab und an für Publikationen der Konrad-Adenauer-Stiftung schreibt. Gewiß, eine seriöse, christlich orientierte Institution. Gäbe es da nicht vielfältige Kontakte zu Opus Dei, anderen christlichen Fundis, rechts­radikalen Burschen­schaften; und im Ausland zu allerlei rechten, reaktionären und anti­liberalen Gruppierungen und Politikern. Das im einzelnen hier auszuführen, würde zu weit gehen, aber ich begegne dem Wirken der Konrad-Adenauer-Stiftung bei meiner Lektüre immer wieder da, wo progressive. emanzi­patorische Bewegungen bekämpft werden. Ich käme nie auf die Idee, einen Beitrag für eine solche Organisation zu verfassen. [17]

Ich sehe da durchaus Parallelen zwischen den Demonstran­tinnen in Bautzen, die ihre Freien Sachsen tolerieren, und einer Autorin, die das reaktionäre Gedankengut im Umkreis ihres Mediums ignoriert. Daher muß ich noch einmal das Zitat vom Anfang dieser Besprechung aufgreifen. Die Frage ist demnach nicht, ob das für Gott in Ordnung gewesen ist, sondern für Juliane Stückrad als fromme Christin. War das für Dich in Ordnung? Mir scheint, das war nicht der Fall, und dann ist es reichlich praktisch, psychische Entlastung über eine imaginierte Instanz zu suchen. Das mag helfen, aber lädt zu Wieder­holung und Banalisierung ein.

Walter Kuhl
8. November 2022