Koreanische Schrifttafeln.
Reflexionen über die Änderung der Welt
Walter Kuhl
Koreanische Schrifttafeln.
Koreanische Schrifttafeln aus Metall.
Palast in Xi'an.
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Kanone in Edinburgh.
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Arc de Triomphe.
Arc de Triomphe in Paris.

Rezensionen / Buchbesprechungen

Julia Lovell : Die Große Mauer

Buchcover.

Julia Lovell : Die Große Mauer, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2007, 344 Seiten, € 22,90 [damaliger Original­preis].

Als sich mit Ende der Jung­steinzeit aus den vorhandenen dörflichen Gemein­schaften Siedlungszentren und darauf folgend die ersten Königreiche bildeten, standen diese immer wieder vor demselben Problem: Woher sind die Ressourcen zu nehmen, um die sich heraus bildende Elite zu ernähren und darauf aufbauend staatliche Funktionen zu finanzieren? Die landwirt­schaftlichen Kapazitäten und materiellen Ressourcen waren begrenzt und bedurften der externen Zufuhr von Gütern, vor allem von den Gütern, die nicht selbst her­gestellt werden konnten. Mit dieser Frage­stellung verbunden war jedoch von Anfang an eine zweite: wie kann das Erreichte gesichert werden, wie können die von diesem Reichtum Ausge­schlossenen daran gehindert werden, plündernd und erobernd in das proto­staatlich oder schon staatlich organisierte Gebiet einzufallen?

Die eurozentrierte Historie findet diese Frage­stellung schon bei den ersten Stadtstaaten Meso­potamiens vor (denen beispiels­weise das Material für Steinbauten fehlte), aber auch im Ägypten des Alten Reiches (wo es an Edel­metallen mangelte). Wenn wir unseren Blick nach Osten schweifen lassen, finden wir eine ähnliche Entwicklung in Indien und vor allem in China vor. Das historische Wissen um den Übergang von der Steinzeit zur Metallzeit ist hier jedoch vage; die chinesische Geschichts­schreibung wartet hier mit Legenden und Mythen auf, deren wahrer Kern nur begrenzt zu erschließen ist.

Ob es in China eine von der Neolithischen Revolution unabhängig parallele Entwicklung gegeben hat, ist derzeit nicht zu entscheiden. Tatsache scheint jedoch zu sein, daß vor rund 10.000 Jahren der Übergang zur Ackerbau­gesellschaft statt­gefunden hat und daß sich etwa 6.000 Jahre später eine sich zunehmend ausdifferen­zierende Zivilisation entwickelte. Aus dem 13. Jahrhundert v.u.Z. stammen die ersten schriftlichen Zeugnisse, wobei zu berück­sichtigen ist, daß einige Jahr­hunderte später viele schriftliche Über­lieferungen dem Feuer und dem Vergessen übergeben wurden. Und doch läßt sich daraus folgern, daß die vorder­asiatische Zivilisation einen Entwicklungs­vorsprung von rund 1.500 Jahren besessen haben mag.

Ob es tatsächlich eine tief verwurzelte chinesische Schwäche für Umfassungs­mauern gegeben hat, wie die englische Historikerin Julia Lovell in ihrem Buch über Die Große Mauer suggeriert, mag dahingestellt bleiben. Immerhin weisen die frühesten Versionen der Ideogramme für »Siedlung« und »Verteidigung« aus der Zeit um 1200 v.u.Z. auf von Mauern umgebene Grundstücke hin. Allerdings sind Mauern nichts Ungewöhn­liches und zeitgleich im vorder­asiatischen Raum weit verbreitet. Jedoch gibt es eine Besonderheit: in China wurden geradezu exzessiv Mauern errichtet.

Eingemauerte Menschen

Julia Lovell geht dieser fast schon manischen Angewohn­heit in ihrem Buch über die chinesische Geschichte der letzten drei Jahr­tausende nach. Der Ansatz einer Historikerin, die Geschichte eines sich erst seit rund einhundert Jahren als »China« begreifenden Landes anhand seiner Verteidigungs­bauten zu schreiben, ist unge­wöhnlich. Und doch wird hierbei eine Antwort auf die anfangs gestellten Fragen gegeben, eine Antwort, welche die Manie durchaus verständ­lich werden läßt. Denn vorkapita­listische Staaten und Reiche können sich nur dann entwickeln, wenn sie expandieren, wenn sie dem Bestehenden neue Ressourcen hinzu­fügen. Armeen, Machthaber und Gefolgsleute wollen versorgt und belohnt werden. Das Auspressen der eigenen Bevölkerung, und das heißt vor allem: der Bäuerinnen und Bauern, hat Grenzen. Werden diese Grenzen über­schritten, sind Hunger und Rebellionen die Folge. Julia Lovell weist daher auf eine Besonder­heit des chinesischen Mauerbaus hin: die Mauern stehen nicht direkt an den Grenzen des Staates, sondern werden weit vor den Grenzen mitten in der trostlosen Einöde der Steppen, Wüsten und Gebirge errichtet.

Daher dürfen wir uns diese Grenzen nicht als statische Gebilde vorstellen. Die Mauern sind genauso wie der Limes als eine Demarkations­linie zu betrachten, die bei Bedarf über­schritten und mißachtet werden kann. Das Römische Imperium endete nicht einfach an den Mauern, Wällen und Palisaden des Grenzlandes. Und genauso wenig endete der Einfluß der chinesischen Herrscher an der Mauer. Die diversen Mauern wiesen die Barbaren des Nordens darauf hin, wer hier das Sagen hatte und wer die Macht besaß, sich den Reichtum im Inneren wie Äußeren anzueignen. Nicht nur, daß sich hierin ein sino­zentrisches Weltbild wider­spiegelte, sondern der Anspruch, das Reich der Mitte zu sein, wies den umgebenden »Völkern« eine unter­geordnete Stellung zu. Die Barbaren des Nordens galten als Abschaum, deren natürliche Bestimmung es war, sich dem chinesischen Herrschafts­anspruch zu unterwerfen. Daß diese Barbaren und die Chinesen des nördlichen Grenzlandes mehr miteinander verwandt waren, als der chinesischen herrschenden Klasse lieb war, ist eine der Ironien dieser Geschichte.

Der historische Entwicklungs­prozeß, der zum heutigen China geführt hat, war weder geradlinig noch vorherbestimmt. Die Ursprünge Chinas liegen in den Flußtälern des Gelben Flusses und seiner Nebenflüsse im Nordosten. Nördlich hiervon lebten Steppen­nomaden, die mal als Hunnen, mal als Türken, mal als Mongolen ins Rampenlicht der Welt­geschichte traten. Manchmal beherrschten sie den Norden Chinas und der Unterschied zwischen Nomaden und Ackerbauern wurde verwischt und gleichzeitig künstlich durch Standes­regeln aufrecht erhalten. Die hierbei hervor­tretenden gegenseitigen »ethnischen« Vorurteile belegen nicht eine vorhandene ethnische Differenz, sondern allenfalls die Konstruktion derselben. Im Südwesten lebten andere Barbaren und die Tibeter, der Süden Chinas bestand mehr aus Dschungel denn aus bewohnten Gebieten. Dies war zumindest die Ausgangs­lage im 1. Jahrtausend v.u.Z.

Die erste historisch faßbare Dynastie der Shang residierte am Gelben Fluß in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v.u.Z. Auch wenn das Gebiet dieses Reiches nur einen Bruchteil des beherrschten Gebietes während der Tang-Dynastie oder Qing-Dynastie umfaßt hat, so wurden hier die Grundlagen des späteren China gelegt. Hier liegen die Anfänge der chinesischen Schriftkultur. Die gesell­schaftliche Klassen­einteilung war schon gegeben, das Zusammen­leben war hoch ritualisiert. Rituale sind mehr als nur Verge­wisserungen des Selbst in einer unsicheren Welt, sie sind auch Instrument von Herrschaft. Die Bauern hatten Abgaben abzuliefern, an staatlichen Baupro­grammen teilzu­nehmen und in den Krieg zu ziehen. Außer der vielleicht hoch ritualisierten gesell­schaftlichen Ideologie finden wir hier alles vor, was eine frühe staatliche organisierte Klassen­gesellschaft ausmacht. Es ist jedoch diese spezielle Ideologie, die später einen Konfuzius hervorbrachte, auf dessen tatsäch­lichem oder dem ihm angedichteten Denken in den nachfolgenden Jahr­hunderten die Legitimation königlicher bzw. kaiserlicher Herrschaft fußte.

War der Prozeß der Heraus­bildung staatlicher Organisierung einmal hervor­gebracht, so wurden immer mehr Gebiete diesem Herrschafts­anspruch einverleibt. Königreiche expandierten und zerfielen, bis in den Jahr­hunderten vor der Reichs­einigung gegen Ende des 3. Jahr­hunderts v.u.Z. die ersten Mauern erbaut wurden. Inzwischen hatten die Steppen­nomaden des Nordens begehrliche Blicke nach Süden geworden, während umgekehrt die frühen chinesischen Herrscher danach trachteten, ihr Herrschafts­gebiet um die zum Teil durchaus fruchtbaren Gebiete im Nordwesten auszudehnen. Der Konflikt war unvermeid­bar, aber militärisch für die chinesische Seite schwer zu gewinnen. Die Nomaden waren mobiler, zumal sie etwas besaßen, was in China fehlte: das Pferd. Um den Herrschafts­anspruch zu demonstrieren und gleichzeitig die Angriffe der Barbaren abzuwehren, verfiel man auf ein simples Mittel: man baute Mauern.

Wir dürfen uns diese frühen Mauern nicht so vorstellen wie die touristischen Vorzeige­objekte in der Nähe Pekings. Diese ersten Mauern – und auf dieses Muster wurde jahrhunderte­lang zurück­gegriffen – bestanden haupt­sächlich aus festge­stampften Lehm. Holzplanken oder Ziegelstein­schichten bildeten das äußere Gerippe. Derartige Mauern ließen sich in kürzester Zeit über Hunderte von Kilometern errichten, aber ihr Wirkungs­grad blieb begrenzt. In unzähligen Eingaben und Schriften wurde der marode Zustand der doch gerade erst erbauten Wälle beklagt. Doch das Material war preiswert, weil vor Ort vorhanden, und es gab genügend Menschen, die zum Mauerbau abkommandiert werden konnten. Hundert­tausende sollen bei derartigen Fron­einsätzen jämmerlich krepiert sein.

Nebenbei sei hier bemerkt, daß jede Mauer eine weitere Funktion aufweist: sie soll nicht nur Angriffe von Außen abwehren, sondern auch die eigenen Untertanen davon abhalten, vor den arbeitsreichen und erbärm­lichen Zumutungen zu fliehen. Das Leben in der Steppe war für unzählige Chinesinnen und Chinesen während vieler Jahrhunderte attraktiver, als von den eigenen Herren ausgebeutet und ausgeblutet zu werden.

Unbewältigte Gewalt

Und doch lösten die Mauern das grund­legende Problem letztlich nicht. Jede Mauer hatte ihr Ende; und die mobilen Barbaren mußten nur das Ende der Mauer finden und diese umgehen. So gesehen ist die chinesische Geschichte eine lange Abfolge von Mauerbauten und deren Erosion. Solange die staatliche Organisation intakt war, solange also Luxusgüter, Metalle und vor allem Silber nach China flossen, konnte eine gut ausgerüstete Armee die Mauern sichern und die Barbaren in ihre Schranken verweisen. Die Zentrifugal­tendenzen eines solch expan­dierenden Reiches führten jedoch auch zu lokalen Machtbasen, in denen starke Führungs­persönlichkeiten auch eigene Interessen verfolgen konnten. So manche Dynastie begann und endete auf diese Weise.

Julia Lovell beschreibt diesen Kampf gegen den Rest der Welt von den Zeiten der Shang bis zur Großen Firewall des modernen China. Die Folie ihrer Geschichts­schreibung ist die Große Mauer, wobei sie von Anfang an klarstellt, daß diese Große Mauer eine historische Fiktion ist. Das, was wir heute vorfinden, sind Überreste verschie­denster Epochen, und das, was wir uns unter der chinesischen Mauer vorstellen, ist ein kurzer Abschnitt zur Tourismus­förderung in der Nähe von Peking. Weite Teile dieser Mauer sind kaum noch zu erkennen und sie wurden bis ins China Maos als Baustoff­lager mißbraucht. Die Aussage, diese Mauer sei das einzige Bauwerk, das ein Beobachter vom Mond aus sehen könne, ist deshalb eine Fiktion. Der US–amerikanische Astronaut Neil Armstrong bestätigte zwar diese zuvor jahrzehnte­lang kolportierte Aussage, aber es ließ sich nach­träglich nachweisen, daß er wohl einer Wolken­formation aufgesessen war. Als der Chinese Yang Liwei im Jahr 2003 mitteilte, er habe im All keine Mauer entdecken können, war das chinesische Bildungs­ministerium peinlich darum bemüht, diesen Irrtum aus den Grundschul­büchern zu verbannen. [1]

Ob Chinas Große Firewall der den techno­logischen Gegeben­heiten angepaßte Versuch ist, die chinesische Mauer aufrecht­zuerhalten, wie es die Autorin nahelegt, scheint mir nun doch etwas aufgesetzt zu sein. Denn jedes diktatorische Regime ist danach bestrebt, dissidente Äußerungen und Informationen zu unter­drücken. Berück­sichtigen wir dann noch, welche Bestrebungen es auch in den westlichen Demokratien gibt, bestimmte Inhalte im Internet zu zensieren, dann sind die Grenzen zwischen der einen und der anderen Art der Informations­kontrolle eher fließend. Dennoch ist der von der Autorin vorgebrachte Gedanke als solcher legitim und nicht ganz von der Hand zu weisen.

Überhaupt bemüht sich Julia Lovell um eine differenzierte Darstellung, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen oder sich um klare Positionen zu drücken. Dieser sympathische Zug findet sich sowohl in ihrer nüchternen Beschreibung chinesischer Ausbeutungs– und Unterdrückungs­praktiken von den Anfängen bis heute wieder als auch in der bissigen Kritik euro­zentrierter Zuschrei­bungen. Die Autorin beherrscht ihren Gegenstand, weiß um den Wert kritischer Distanz bei gleichzeitiger Partei­nahme für die Unterlegenen. Insbesondere verfällt sie nicht der Glorifizierung der Blüte Chinas während der Tang-Dynastie, wie sie vor allem von den unkritischen Nach­beterinnen und Nachbetern der in China als kriminell verfolgten Sekte Falun Gong [2] praktiziert wird. Das Zeitalter der Tang-Dynastie zeichnete sich durch die üblichen Ausbeutungs–, Plünderungs– und Eroberungs­mechanismen aus. Nach der chinesischen Niederlage gegen die Araber im Jahr 751 am Talas im heutigen Usbekistan kam eine zunehmende Ausländer­feindlichkeit hinzu, die sich mehrfach in Massenmord entlud.

Gewalt in unfaßbaren Dimensionen scheint eine Grund­konstante der chinesischen Politik und Geschichte seit ihren historisch faßbaren Anfängen gewesen zu sein. Der Bevölkerungs­reichtum des Landes führte hier zu Exzessen, wie sie selbst im gewiß nicht weniger gewalt­tätigen Europa in diesem Umfang nicht zu finden sind. Wenn in den fast schon zyklisch wieder­kehrenden Gewaltorgien Hundert­tausende, wenn nicht Millionen Menschen getötet wurden, zeugt dies weniger von einer besonderen Barbarei der chinesischen Gesellschaft als davon, daß soziale Gewalt jeder Klassen­gesellschaft innewohnt. Dies ist keine chinesische Besonderheit. Der römische Schriftsteller Plutarch etwa gibt an, daß Caesar bei seinen Eroberungs­zügen in Gallien etwa eine Million Menschen umgebracht und eine weitere Million versklavt habe. Diese Zahl erscheint aufgrund Caesars eigener Angaben durchaus glaubhaft.

Im Falle Chinas, vor allem dann, wenn weite Teile des Landes unter einer Herrschaft vereint waren, ließ sich die der Gesellschaft innewohnende Aggression nur begrenzt nach außen tragen – und wirkte daher mit besonderer Brutalität nach innen zurück. Dies findet sich sowohl in der Art und Weise, wie Herrschafts­projekte umgesetzt wurden, wieder, als auch in den Formen des Widerstandes von unten. Das »kommunistische« China unter Mao unterscheidet sich hier sehr wenig vom China des ersten Kaisers Qin Shihuangdi vom Ende des 3. Jahr­hunderts v.u.Z.

Die Barbaren des Nordens waren so gesehen jahrhunderte­lang das Ventil, welches die gesell­schaftliche Gewalt zügeln sollte. Julia Lovell geht wohl zurecht davon aus, daß die jahrhunderte­langen Kämpfe an der Nordgrenze zwischen Chinesen und Steppen­kriegern eher von chinesischer Seite zu verantworten sind als von den »barbarischen« Nomaden. Es ist kein Zufall, daß das China der Tang-Dynastie (ideologisch verklärt) zum einen ein Zeitalter der Harmonie gewesen sein soll, sich zum anderem durch einen besonderen Expansions­drang ausge­zeichnet hat. Bezeichnender­weise ließen die Tang keine Mauern errichten. Als dann die Araber im Westen den Chinesen ihre Grenzen aufzeigten, schlug die Gewalt mit fast schon unabänder­licher Notwendig­keit nach innen zurück.

Julia Lovells Parforceritt durch drei Jahr­tausende vernachlässigt fast schon zwangs­läufig wichtige Details, akzentuiert die Darstellung mitunter auf scheinbar Neben­sächliches, konzentriert sich vielleicht zu sehr auf die Geschichte einzelner Herrscher und ihrer Taten und Untaten. Dies mag dem Blickwinkel der Autorin geschuldet sein, der sich auf die Große Mauer stützt, und ist insofern auch hinreichend begründet. Eine umfassende Geschichts­schreibung ist ein solches Buch hingegen nicht, aber dies ist von der Autorin auch nicht beabsichtigt und deshalb nicht zu kritisieren. Der dynastie­orientierte Kapitel­aufbau des Buches läßt der Darstellung aller historischen Epochen ihren Raum; eine einseitige Bevorzugung der älteren oder neueren Geschichte Chinas ist demnach nicht vorhanden. Die Leserin und der Leser erhalten somit einen angemessenen Einblick in eine dreitausend­jährige Vergangen­heit bis in die Gegenwart hinein.

Problematisch finde ich hingegen die eher unreflektierte Wiedergabe der offiziellen chinesischen Geschichts­schreibung durch die Autorin, in welcher der Untergang und Verfall einzelner Dynastien den persönlichen Eigenarten einzelner Herrscher angelastet wird. Ein aus­schweifender Lebensstil mit allen Perversionen ist jedoch Ausdruck gesellschaft­licher Verhältnisse; Verfalls­tendenzen entstammen also sozialen, wirtschaftl­ichen und gesellschaft­lichen Problemen. Ein despotisch, lüstern oder untätig agierender Kaiser drückt demnach eher diesen Verfall aus anstatt für ihn verantwort­lich zu sein. Weiterhin ist die unkritische Übernahme von Zahlen­angaben für die Größe chinesischer oder barbarischer Armeen zu nennen. Auch wenn China schon zu historischen Zeiten über eine riesige Bevölkerungs­zahl verfügt hat, so ist es wenig glaub­würdig, daß Hundert­tausende Soldaten gegen­einander antraten.

Das Buch Die Große Mauer bietet der fachkundigen Leserin und dem historisch versierten Leser nicht viel Neues. Als Einführung in die Grundlagen der chinesischen Geschichte eignet sich das Buch vor allem wegen seines originellen Ansatzes, die Geschichte Chinas anhand ihres Mauerbaus darzulegen. Leider finden sich in dem von einer fachlich versierten Autorin geschriebenen Buch einige merk­würdige Aussagen, die wieder einmal belegen, daß man oder frau besser nur über Dinge schreiben sollte, in denen sie zu Hause sind. [3]

  • Yang Liwei kehrte 2003 nicht vom Mond zurück, als er mit dem ersten bemannten chinesischen Weltraumflug die Erde umkurvte.
  • Die Maginot-Linie wurde nicht an der belgischen Grenze, sondern zwischen Sedan und der Schweizer Grenze angelegt.
  • Nicht die Skythen zerstörten das Assyrerreich, sondern es waren die Meder und das Neu­babylonische Reich.
  • Bei den Lebensdaten des chinesischen Geschichts­schreibers Sima Qian ist wohl eine »1« zuviel hinein gerutscht. Die Lebensdaten wären richtig mit »ca. 145–86 v. Chr.« (und nicht »186«) zu lesen.
  • Im Jahr 311 wurden die Tuoba nicht von einem Häuptling Tuoba Gui, sondern von Tuoba Yilu angeführt, als sie auf chinesischer Seite vergeblich versuchten, Luoyang zu verteidigen. Tuoba Gui war der erste Kaiser der Nördlichen Wei-Dynastie (ab 386).
  • Heinrich der Seefahrer war längst gestorben, als die Portugiesen das Kap der Guten Hoffnung umschifften. Hier liegt vielleicht ein Übersetzungs-Mißverständnis vor. Auch landeten die Portugiesen anschließend nicht in Kalkutta, sondern in der Nähe von Kalikut.

Ich hätte mir aussage­kräftigere Landkarten zur Unter­stützung des umfang­reichen historischen Materials gewünscht, zumal denn, wenn in den einzelnen Kapiteln zugeordneten Karten die im Kapitel genannten Orte nicht zu finden sind. Dies ist vielleicht der einzige ernsthafte Kritikpunkt an diesem ansonsten anregend und gut lesbar geschriebenen Band.

Walter Kuhl
24. März 2007