Koreanische Schrifttafeln.
Reflexionen über die Änderung der Welt
Walter Kuhl
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Rezensionen / Buchbesprechungen

Claudia von Werlhof : Die Verkehrung

Das Projekt des Patriarchats und das Gender-Dilemma

Der folgende Text ist das inhaltlich nicht veränderte Manuskript zu meiner Sendung „Vernutzte Erde“ auf Darmstadts Lokalradio Radio Darmstadt vom 30. Juli 2012.

Destruktion per Patriarchat

Daß und wie der Kapitalismus als weltweites Ausbeutungs­verhältnis existiert, ist seit den einschlägigen Schriften von Karl Marx kein Geheimnis mehr. Daß Karl Marx und daran anknüpfend die wohl brillianteste Marxistin vor dem Ersten Weltkrieg, Rosa Luxemburg, das eine oder andere übersehen haben könnten, hatte die Ökonomin Christel Neusüß 1985 in ihrem Buch über „Die Kopf­geburten der Arbeiter­bewegung“ heraus­gearbeitet. Der blinde Fleck der Marxschen und daran anknüpfend auch der marxistischen Theorie in all ihren Schattie­rungen besteht darin, den zweiten zentralen Wider­spruch neben dem Kapital­verhältnis geflissent­lich über­sehen zu haben. Gemeint ist das Patriarchat. Mehr noch, so meinte nicht nur Christel Neusüß, sei es not­wendig heraus­zuarbeiten, wie sich Kapita­lismus und Patriarchat gegen­seitig bedingen, gegen­seitig benutzen und dazu beitragen, daß insbe­sondere Frauen als eine wohlfeile Ressource benutzt werden, die keinen Wert besitzt.

Zwei Jahre vor den „Kopf­geburten“ erschien im Rowohlt-Verlag ein Sammelband mit dem Titel „Frauen – Die letzte Kolonie“. Die drei Autorinnen, Claudia von Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen, entwarfen hierin eine neue Inter­pretation über die Inkorpo­rierung von Frauen und Frauen­arbeit in die kapita­listische Ökonomie. Frauen wurden als Beigabe zu den Arbeiter­männern zu Haus­frauen gemacht. Haus­frauen sind nämlich keine historische Konstante, sondern ein relativ neuzeit­liches Konstrukt. Ausgehend von der bürger­lichen Familie des 18. Jahr­hunderts wurde das hierin ent­wickelte Modell der Klein­familie auf Arbeiter­innen- und Arbeiter­haushalte über­gestülpt. Vor allem die Arbeiter waren das Ziel dieser Maßnahme. Arbeiter, die in speziell einge­richteten Wohnungen mit Ehegattin und Kindern lebten, waren leichter zu domesti­zieren und weniger anfällig für die damalige sozial­demokratische Agitation, so jedenfalls dachten sich dies Industrielle und kapital­freudige Intellektuelle.

Bei Marx finden wir theoretisch entwickelt und begründet, daß sich der Wert der Ware Arbeits­kraft nicht nur daraus speist, daß selbiger Arbeiter am nächsten Arbeitstag frisch ausgeruht, aus­reichend ernährt und gekleidet wieder auf der Matte steht, sondern es gibt hierbei einen weiteren Aspekt, der generationen­übergreifend ist. Selbst­verständ­lich geht in den Wert der Ware Arbeits­kraft auch ein, daß eine neue Generation von Arbeiter­männern geboren, aufgezogen, ausge­bildet und sozialisiert werden muß, um die alten, verschlis­senen Exemplare zu ersetzen. Was dieser unzweifel­haft stimmigen Theorie jedoch fehlt, ist der Blick darauf, wer denn dafür sorgt, daß diese Arbeiter­männer Tag für Tag wie gewünscht funktio­nieren, und wer dafür sorgt, daß der Ersatz groß­gezogen wird. In der Marxschen Wert­theorie kommen Haus­frauen als Subjekte nicht vor. Sie werden als gegeben hinge­nommen und bedürfen folglich keiner weiteren theore­tischen Näherung.

Genauso wie Christel Neusüß sahen dies auch Maria Mies, Claudia von Werlhof und Veronika Bennholdt-Thomsen nicht ein. Sie gingen der Frage nach, welchen Anteil selbige Haus­frauen, ja Frauen überhaupt mit ihrer unsichtbar gemachten Subsistenz­arbeit an der Wert­schöpfung des Kapitals besitzen. Das daraus resultie­rende Buch „Frauen – die letzte Kolonie“ sollte sich zu einem der wichtigsten sozial­wissenschaft­lichen Werke der 80er Jahre entwickeln. Nicht nur die Frauen­bewegung nahm dieses Buch zum Anlaß weiter­zuforschen, auch in linken, vor allem autonomen und anti­imperia­listischen Zusammen­hängen, wurde mit diesem Buch das Patriarchat als wesent­licher Grund­pfeiler kapita­listischer Herrschaft und staatlicher Organi­sierung betrachtet. Da die drei Autorinnen zu diesem Zeitpunkt an der Universität Bielefeld beschäftigt waren [1], wurde der hieraus resultierende theoretische Ansatz einfach nur als „die Bielefel­derinnen“ bezeichnet.

Claudia von Werlhof wurde 1988 auf den Frauen­forschungs­lehrstuhl der Universität Innsbruck berufen. Im Gegen­satz zum frauen­wissen­schaftlichen Main­stream weigerte sie sich, der Matriarchats­forschung zu entsagen und statt dessen dem das Herrschafts­verhältnis Patriarchat verwi­schenden Begriff „Gender“ zu frönen. 2010 gründete sie den Verein Planetare Bewegung für Mutter Erde. Im selben Jahr, am 12. Januar 2010, ereignete sich ein schweres Erdbeben auf Haiti, das zwischen 200.000 und einer halben Millionen Menschen das Leben kostete. Einen Monat später bemerkte Claudia von Werlhof in einem Interview [2026 versteckt hinter einer Paywall mit der Androhung ekel­hafter Werbung oder von gnaden­losem Tracking, WK 2026] mit der öster­reichischen Tages­zeitung „Der Standard“, das Erdbeben in Haiti könne möglicher­weise künstlich hervor­gerufen worden sein. Sie bezog sich hierbei auf die Arbeiten der Umwelt­aktivistin Rosalie Bertell, die davon ausgeht, daß eine neue Waffen­generation die Erde elektro­magnetisch bearbeitet, das Wetter mani­puliert und mit tödlichen Substanzen besprüht.

All dies war an mir vorbei­gegangen, weil ich für derartige Verschwörungs­theorien nichts übrig habe [2]. Interes­santer fand ich hingegen den Hinweis des Promedia-Verlags in Wien, Claudia von Werlhof werde dort ein Buch über das rund 12.000 Jahre alte patriarchale Projekt heraus­bringen. Da mich derlei sowohl historisch wie sozio­logisch interessiert und ich zudem von „den Bielefelderinnen“, als sie noch in Bielefeld gelehrt und geschrieben haben, so einiges gelernt habe, bat ich den Verleger Hannes Hofbauer, mir das Buch zuzu­senden. Und in der Tat entwickelt das Buch einen ganz eigenen Diskurs, wobei sich die Autorin wenig um ein­schlägige wissen­schaftliche Formalitäten schert. Es ist ein Buch, dessen Thesen ich zum Teil spannend, zum Teil – gelinde gesagt – merk­würdig finde und dessen esoterischer Beige­schmack nicht zu überlesen ist.

Nichtsdestotrotz ermöglicht das Buch einen Zugang zu dem, was 12.000 Jahre Patriarchat angerichtet haben und was aufhören muß. Nur – wer wird schon auf eine Matriarchats- und Patriarchats­forscherin hören, wenn die Erde doch so prima profitabel vernutzt und zerstört werden kann? Insofern findet sich hier auch ein Ansatz­punkt an meine Ausführungen [in derselben Sendung, WK 2026] zum Schwerpunkt des aktuellen Hefts von Lunapark21 über die alte und neue Jagd nach Rohstoffen.

Nun bildet die stoffliche Vernutzung der Erde und die damit verbundene gigantische Zerstörung der Lebens­grundlagen eines ganzen Planeten auch einen Teil der Aus­führungen Claudia von Werlhofs. Mindestens genauso interes­sant ist es, ihr dabei zuzu­schauen, wie sie einen bestimmten patriarchalen Stil von Wissen­schaftlichkeit auf seine alche­mistischen Grund­lagen zurück­führt. Der männliche Drang, alles zu sezieren und in immer wieder neuen Variationen zusammen­zubasteln – zuletzt bei der Suche nach dem Higgs-Boson im Schweizer Kern­forschungs­zentrum CERN, bei der ohne weitere Umschweife auch schwarze Löcher mit eingeplant werden –, erinnert in der Tat sehr stark an alche­mistische Praktiken des Mittel­alters und der frühen Neuzeit.

Doch, und hier geht die Autorin noch einen Schritt weiter, es geht bei dieser alche­mistischen Natur­beherrschung letzten Endes auch darum, daß das Patriarchat sich selbst zum Geburts­helfer einer neuen Gesell­schaft­lichkeit erhebt, bei dem es ohne die Gebär­tätigkeit von Frauen auskommt. Gen­technik, Bio- und Repro­duktions­technologien sind hier das Mittel der Wahl.

Das Patriarchat ist keine historische Konstante, schon gar keine anthropo­logische. Das Patriarchat als Gesell­schafts­form ist innerhalb der mensch­lichen Evolution eine vergleichs­weise neue Ent­wicklung. Während der mindestens eine Million Jahre zuvor gab es etwas, was Claudia von Werlhof als Matriarchat bezeichnen würde. Während sie den Zeit­rahmen dieses Patriarchats auf etwa 5-7.000 Jahre ansetzt, also mit den Beginn der soge­nannten Frühen Hoch­kulturen in Meso­potamien und Ägypten, gehe ich noch einige Jahr­tausende weiter zurück. Meinem Verständnis nach wäre der Beginn des Patriarchats mit der soge­nannten Neolithischen Revolution anzusetzen, also dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht und dem damit verbundenen Einzug von Eigentum und sozialer Schichtung in mensch­lichen Gemein­schaften. Doch was versteht die Autorin dann unter „Matriarchat“?

Zunächst einmal handelt es sich um Lebens­zusammen­hänge, von Gesell­schaft zu sprechen, dürfte wohl angesichts kleinerer Verbände umher­streifender Menschen arg über­trieben sein, also um Lebens­zusammenhänge, die als nicht-patriarchale Natur­auffassung Natur und Frau miteinander verbinden. Diese Verbunden­heit kommt ihrer Auf­fassung nach im weiblichen Schöpfungs­akt zum Ausdruck. Daher hätten Männer einen Gebär­neid, bis heute, weshalb sie ja auch versuchen, auf nicht natür­liche Weise mit ihrer eigenen Geburts­maschine, den schon benannten Bio- und Repro­duktions­technologien, Leben zu erzeugen. Nebenbei bemerkt, erlaube ich mir die Fest­stellung, daß der in Psycho­analyse auf den Punkt gebrachte Penis­neid nichts anderes als eine Projektion darstellt, der einen männlichen Neid kaschieren soll.

Das Patriarchat kann sich jedenfalls nur aus der Zerstörung und als voll­ständiger Gegen­entwurf zur ursprüng­licheren matriar­chalen Gesell­schaft entwickeln. „Soweit wir heute wissen, begann das Patriarchat überall mit Krieg.“ [3] Wobei die Frage, weshalb Männer Krieg führen mußten, unbe­antwortet bleibt, aber belegen würde, daß schon vor der Kriegs­handlung die Grundlage patri­archalen Denkens und Handelns existiert haben muß. Somit geht es beim Patriarchat auch nicht um reine Väter-Herr­schaft, wie der Name besagt, sondern um ein Konzept. Krieg ist demnach die typische Ordnung des Patriarchats, und dieser Krieg wird gegen andere Menschen, insbesondere Frauen, und gegen die Natur, bzw. in Claudia von Werlhofs Worten, „Mutter Erde“, geführt.

Das Matriarchat als Vorläuferin und Gegen­entwurf ist demnach nicht eine Herr­schaft der Mütter, sondern keine Herr­schaft, in der Frauen eine ganz andere, ja überhaupt eine Wertig­keit besitzen und in der nicht männ­liche Utopien von der Beherrsch­barkeit und Verbes­serung des Universums ausgelebt werden müssen. Ich finde ihre Beschreibung dessen, was unter dem etwas irre­führenden Begriff des Matriarchats zu verstehen ist, als Gedanken­modell recht nützlich:

„Unter matriarchalen Verhält­nissen verstehe ich zunächst einmal jene, dem natur- und seins­verbundenen Leben mensch­licher Gruppen und Gemein­schaften und dessen Erhaltung am jeweiligen Ort am meisten ange­messen sind und die sich ihrerseits in einem langen Prozess historischer Entwick­lung in verschie­denen Formen auf der ganzen Welt heraus­gebildet haben. Das Gemein­same innerhalb der möglichen Vielfalt matri­archaler Kulturen ist – nimmt man Kultur wörtlich – die „Pflege“ des Lebens, insbesondere auch die Reflexion über die Möglich­keiten, dabei Gewalt zu vermeiden.“ [4]

Das Patriarchat ist hierzu der Gegen­entwurf. Diesen Gedanken, mitsamt der daran geknüpften ideologischen Verren­kungen patriarchaler Theorien und wissen­schaftlicher Normen, spinnt die Autorin auf über 200 Seiten fort, um anschlie­ßend die Frage zu stellen, wie die Mensch­heit aus diesem alche­mistischen Teufels­kreis hinaus­kommen kann. Daß die Antwort esoterische Züge trägt, darf nicht ver­wundern, landet die Autorin doch bei einer überaus phantasie­vollen, um nicht zu sagen absurden Vor­stellung über die von wilden Frauen mitbe­stimmten Lebenswelt der Kelten. Das ist insofern Unsinn, als keltische Gesell­schaften Krieger­gesellschaften und damit patriarchale Gesell­schaften waren.

Keltenumzug.

Imaginierter keltischer Trauerzug bei Bulau, Rödermark, Hessen. Aufnahme vom September 2009.

Gegenderte Hausfrauen

Nun führt Claudia von Werlhof einen weiteren Gedanken­strang ein, der durchaus einiges für sich hat. Die alte matri­archale Welt ist nicht voll­ständig ver­schwunden, sondern lebt als „zweite Kultur“ innerhalb des Patriarchats in wider­ständigen Formen weiter. Deshalb sah sich das Programm der „Aufklärung“ des frühneu­zeitlichen Europa verpflichtet, vor allem gegen Ketzer, Hexen und Heiden vorzu­gehen. Die daraus hervor­getretene moderne Ratio

„setzt die Unterwerfung der Frauen als Gattung voraus und attestiert ihnen mit der „Natur der Frau“ einen neuen „Natur­charakter“, nämlich den der „Hausfrau“, die erst ein Ergebnis der Hexen­verfolgung ist.“ [5]

Fassen wir zusammen: das Projekt des Patriarchats beruht auf Krieg und Zer­störung, seine Logik ist die, eine Utopie nach­zujagen, die ohne Natur und Frauen auskommt, und seine Wissen­schaft ist streng rational nach dem Baukasten­prinzip der Alchemie konstruiert. Andere Formen der Wissen­schaft, Hexen­wissen oder Subsistenz­wirtschaft, wurden systematisch eliminiert. Die post­modernen Zeiten haben zur Ein­bindung, ja Mit­wirkung von Frauen an diesem Projekt die Gender Studies hinzu­gefügt, deren Ursprünge aus der Frauen­forschung der 70er und 80er Jahre nur noch zu erahnen sind. Und dies ist ein weiterer Gedanke, der das Buch „Die Verkehrung“ durch­zieht. Sie schreibt dazu:

„Mein Thema ist also nach wie vor die Frage der Schaffung und Existenz von Frauen als Haus­frauen, und zwar auch jenseits des Kapita­lismus. Es geht also um Ziel und Methode des Patri­archats – nicht allein des Kapita­lismus – selbst. Denn die Haus­frauen-Frage geht in einer bestimmten Weise über den Kapita­lismus hinaus.

Meine These ist, dass wir im Patriarchat aus dem Problem des haus­fraulich-definiert-Seins nicht hinaus­gelangen. Innerhalb des patri­archalen Systems gibt es keine Per­spektive, die Definition als Hausfrau hinter sich zu lassen – es sei denn, mit den Haus­frauen werden auch die Frauen selbst abgeschafft. Aber das kann sich eigentlich niemand von uns wünschen!

Bisher haben wir analysiert: Haus­frauen werden gemacht, sie sind weltweit arm, und sie haben keine Macht. Das lässt sich nicht dadurch ändern, dass wir versuchen, „Frauen­power“ zu bekommen, indem wir vermehrt zur Lohn­arbeit greifen, indem wir Frauen­politik machen oder indem wir so tun, als wenn wir gar keine Frauen wären. Das ist ja der neue Ansatz aus den Gender Studies, der „Gender-Forschung“. Dieser Ansatz abstrahiert von der Tatsache, dass Frauen in unserer Gesell­schaft als Haus­frauen definiert sind, und zwar auch dann, wenn sie Lohn­arbeiterinnen sind („hausfrau­isierte Lohn­arbeit“).“ [6]

Kurz gesagt: die Gender­studien sollen Frauen dazu anleiten und befähigen, sich als Ressource geschlechts­neutral einzu­bringen, um an der eigenen Selbst­verwertung zugunsten des Kapitals und des Patriarchats teilzu­nehmen, ganz im Sinne des homo oeconomicus. Sie sind eine Falle, weil sich Frauen hiermit zu Mit­täterinnen am globalen System der Aus­beutung und Zerstörung hergeben.

Ich finde dieses Buch recht schwierig zu lesen. Einer­seits finden sich hierin eine Reihe von recht bedenkens­werten Gedanken­gängen, die auf die absurde und zerstörerische Logik kapita­listischer und patri­archaler Vergesell­schaftung und deren Ver­schränkung hinweisen. Daß sie hierbei die Gender Studies aufs Korn nimmt, darf nicht verwundern, denn sie sind, genauso wie das Gender Main­streaming tat­sächlich ein Projekt der Befriedung und der Nutzbar­machung weiblicher Ressourcen. Kein Wunder, daß nicht Frauen­forschung, sondern Gender Studies, nicht Quotierung, sondern ein Main­streaming finanziell und immateriell gefördert wird. Denn sie sind nützlich. Weniger nützlich ist zumindest für einen Grünen Stadt­politiker das Frauen­büro in Darmstadt, der er fordert als Spar­maßnahme im virtuellen Bürger­haushalt dessen Abschaffung.

Der Seitenhieb auf die patriarchale Logik von Wissen­schaft zeigt uns, wie brüchig, wie einseitig und wie zer­störerisch das ist, was mit dieser Wissen­schaft gemeint ist und was dabei heraus­kommt. Sie ist grund­sätzlich nicht ergebnis­offen, sondern kana­lisiert. Nur Idioten basteln mit schwarzen Löchern herum, vor allem, wenn diese Zauber­lehrlinge nicht einmal wissen, was sie da wirklich tun. Und diese Idioten sind Männer, was sonst? Da werden Milliarden ver­pulvert, um ein hypo­thetisches Teilchen der männ­lichen Kosmologie zu finden, während jährlich Millionen Kinder krepieren, die mit einem Bruchteil dieses Geldes hätten am Leben erhalten werden können. So etwas ist nicht nur kriminell, es ist die jämmer­liche Logik des Patri­archats (und des Kapitals, natür­lich) selbst.

Andererseits finden wir in diesem Buch Annahmen vor, die weibliche Sehn­süchte mit einem krude zusammen­gestoppelten Weltbild ver­mischen. Das Beispiel der Kelten ließe sich ergänzen um den Nonsense, daß die Sphinx am Fuße der Pyramiden angeblich 14.000 Jahre alt sein und einer voll­kommen unbe­kannten Hoch­kultur entstammen soll [7], nur weil ein recht phantasie­voller Mann diesen Quark einmal in die Welt gesetzt hat. Den Kelten­kram hat übrigens auch ein Mann beige­steuert. [8]

Und dann geht sie den Mach­barkeits­phantasien der Männer auf den Leim. Nicht alles, was sich die männ­liche Wissen­schaft ausdenken mag, ist auch machbar, zum Glück, und deshalb nicht Realität. Erzeugen künstlicher Erdbeben, Lenkung von Tornados, die Störung des Erd­magnet­feldes mittels künst­lichen Geo-Engineerings ist der patri­archalen Logik zwar zuzu­trauen, aber deshalb noch nicht vorhanden. Als Beweis für diese zerstö­rerischen Absichten reicht es auch nicht, darauf hinzu­weisen, daß die UNO bereits 1977 in einer entspre­chenden Kon­vention einge­fordert hat, auf jede militärische Anwendung derartiger Technologien zu verzichten.

Bleibt als eine Art Schlußwort ein Gedanke mitten aus dem Buch:

„Das ist auf jeden Fall eine andere als die übliche Art, die Neuzeit im Rahmen der Geschichte des Patriarchats und als dessen Gipfel, nämlich als kapita­listisches Patriarchat, konkre­tisiert in einem ‚Alche­mistischen Kriegs-System‘ zu definieren und zu perio­disieren, und sie macht Sinn, indem sie uns neue Per­spektiven und Inter­pretations­möglich­keiten der Realität, ihrer ständigen, immer schnelleren und immer zer­störerischen Trans­formation und unser Hinein­gezogen­sein in diese Vorgänge eröffnet.“ [9]

Warum derlei dann immer in esoterische Spinti­sierereien abdriften muß, werde ich hingegen wohl nie begreifen. – Das Buch „Die Verkehrung. Das Projekt des Patriarchats und das Gender-Dilemma“ von Claudia von Werlhof ist im Wiener Promedia Verlag erschienen und kostet[e damals, WK 2026] 17 Euro 90.

Walter Kuhl
30. Juli 2012