Schach–Frauen Frauen–Schach.
Einleitung
Ich spiele weder Schach noch habe ich es vor einmal zu tun. Ich sehe keinen Sinn darin, mich entweder stundenlang auf ein Brett zu fokussieren oder hektisch eine Onlineaufgabe mit schwereren Gegnern zu lösen. Da sitze ich lieber an einem schweren Sudoku, obwohl auch das recht sinnfrei ist. Aber warum schreibe ich dann darüber?
Es muß irgendwann Anfang 2022 gewesen, daß ich aus welchen Gründen auch immer beim Schachvideopodcast von Georgios Souleidis aka The Big Greek gelandet bin. Vor langer, langer Zeit habe ich ab und an eine Schachpartie gespielt und meistens verloren. Ich habe damals nicht begriffen, wie ich aus einer verkorksten Eröffnung ins eigentliche Spiel gelangen sollte. Die von TBG vermittelten Goldenen Regeln haben mir dann vermittelt, worauf es ankommt und was ich alles nicht verstanden und daher falsch gemacht habe. Daraufhin habe ich mir tatsächlich ernsthaft überlegt, an einem lokalen Schachturnier teilzunehmen. Die Aussicht jedoch, von Knipsen, die ihre lines blitzschnell runterbeten können, überspielt zu werden, hat mich davon Abstand nehmen lassen.
Also blieb ich Beobachter, schaute mir das Geschehen mehr aus einer Art soziologischen Perspektive an. Was geschieht dort und warum, mehr noch in der Schachwelt als am Brett. Das Damengambit kenne ich nur aus den kleinen Clips, die auf Youtube zu finden sind. Die heruntergeratterten Speilzüge in den meisten Schachvideos finde ich öde, auch wenn sich bei mir manchmal die eine oder andere Erkenntnis bei komplizierten Stellungen einstellt. Ach so spielt man dann weiter!
Das damit verbundene Clickbaiting, die überfallartigen Werbeeinblendungen oder das ganze Männergedöns finde ich eher nervig. Auch wenn ich zugeben muß, daß mein Werbeblocker doch recht zuverlässig arbeitet. Aber wenn mir Levy Rozman seinen neuen Werbevertragspartner in einer Unterbrechung seines Schachgeschwalles unterjubelt, kriege ich das Kotzen. Mag sein, daß sich die Kinder von Twitter, Facebook, Instagram, Youtube und den ganzen Streamingdiensten das gerne gefallen lassen. Aber wenn mir content mit dem Versprechen des üblichen tracking angeboten wird, dann frage ich mich schon, wie pervers das Alles ist. Warum freßt ihr das? Weil es hip ist, sich abzocken zu lassen? Weil ihr sonst nicht dabei sein dürft? Wo bei?
Es ist eine weitgehend frauenbefreite Männerwelt. Schäzungen gehen von 5% bis 10% Schachspielerinnen weltweit aus. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die biologischer und sozialer Natur sind. Schach ist als „Spiel“ entstanden aus der Umsetzung einer männlichen Schlachtordnung. Infolge dessen werden Bauern geschlagen, Türme (eigentlich Streitwagen) über das Feld geführt, Ritter greifen in die Schlacht ein und Kriegselefanten zertrampelten den Feind oder übermitteln später als Läufer schlachtentscheidende Botschaften. Und die Dame ist eigentlich nur ein verkappter Wesir (natürlich ein Mann!). Es ist also ein Brettspiel ohne Zinnsoldaten, aber mit einer klaren Aufgabe: haucht dem gegnerischen König das Leben aus oder nehmt ihn gefangen. Also durch und durch ein Männerspiel. Vielleicht implementiert ja noch jemand für ein eSports-Event ein paar mörderische Drohnen.
Gleichzeitig ist es die zivile, um nicht zu sagen zivilisatorische Fassung des Gemetzels. Deshalb dürfen auch pazifistischere Geister daran teilnehmen, und auch Frauen. Wenn es unbedingt sein muß. Susan Polgar hat in ihrer Biografie sehr gut rübergebracht, wie sie daran gehindert wurde, Männer besiegen zu dürfen. Und doch war sie eine der Pionierinnen, die es Frauen heute ermöglichen, in der Schachwelt wahrgenommen und manchmal auch ernst genommen zu werden. Denn es ist und bleibt eine Männerwelt.
Zu den biologischen Aspekten gehören Menstruation, Schwangerschaft, die Geburt eines Kindes und die nachfolgende Mutterrolle. Das alles gilt für Männer nicht. Sie können sich ihrem Nerd-Sein hemmungslos hingeben, ohne irgendeine soziale oder biologische Verantwortung tragen zu müssen. Sie fokussieren sich demnach aufs Wesentliche, während auch Schachfrauen nebenbei care-Arbeit zu leisten haben. Elisabeth Pähtz erzählte einmal [youtube, min. 9:00], daß sie vom Russen Sergej Karjakin während eines Tuniers in Wijk an Zee gebeten wurde, seine Hemden zu bügeln. Ob es das auch andersrum gibt? Never ever. Oder: glaubt ihr ernsthaft, daß Vaishali weniger talentiert war und ist als ihr Bruder und Supergroßmeister Pragnanandhaa? Mädchen und Jungen sind halt nicht gleich.
So sind die sozialen Gründe noch gravierender, die Frauen daran hindern oder davon Abstand nehmen lassen, die Männerwelt ernsthaft herauszufordern. Es gibt die eine Ausnahme: Judit Polgár. Aber auch nur sie. Frau, Mutter und in ihrer prime die Nummer 8 der männlichen Schachwelt. Ein Phänomen. Sie hatte nicht nur Eltern mit einem außergewöhnlichen pädagogischen Ansatz, die ihr den Weg geebnet haben, und zwei Schwestern, die gut genug waren, um sie zu pushen. Noch entscheidender war, daß Judit mit drei Ausnahmen nur an Männerturnieren teilgenommen hat. Und die damaligen und zukünftigen Weltmeister in der einen oder anderen Form alle mindestens einmal besiegt hat. Wenn sie das kann, warum nicht auch andere Frauen? Ja, warum nicht? Über die sozialen Gründe gibt es so viel zu sagen. Vielleicht mache ich das irgendwann einmal. Ein Stichwort sei verraten: Patriarchat.
Was Männer kaum erleben, ist bei Frauen im Schach weit verbreitet. Sie werden face to face oder in sozialen und anderen Netzwerken sexuell belästigt, angetatscht, niedergemacht und mitunter auch vergewaltigt. Wie im richtigen Leben. Schachmänner können richtige Arschlöcher sein, und es sind nicht wenige. Warum sollen Mädchen und Frauen sich das antun? Sie leiden, sie schweigen, manchmal outen sie auch solch einen Fiesling. Und dann, wie im richtigen Leben, werden sie ignoriert, ihnen wird nicht zugehört, geschweige geglaubt. Männernetzwerke sind sehr wirkmächtig, und das seit Tausenden von Jahren. Also gehen sie. Und die Männer machen wie gewohnt weiter und küren einen von ihnen zum Alpha. Auch eine Form von Krieg, auf und jenseits des Schachbretts. Christopher Yoo ist so ein Früchtchen, dessen Handeln zunächst auch von einem bekannten deutschen Videopodcaster verharmlost wurde. Bei so viel Männerkumpanei mußte Josefine Safarli auf YouTube richtig deutlich werden, auch wenn sie den entscheidenden Punkt verpaßt hat: Gewalt speziell gegen Frauen, nicht nur allgemein.
Das Männergedöns mit all den Carlsens, Niemanns, Hikarus, Keymers etc. etc. ödet mich einfach nur an. Männer machen Männerdinge, zicken auf Männerart herum und benehmen sich wie … naja, ganz normale Männer eben. Schlagen mal auf den Tisch wie Magnus Carlsen, als er durch eigene Dummheit verloren hatte, nehmen ein Hotelzimmer auseinander wie Hans Niemann, nachdem er durch eigene Dummheit verloren hatte, oder schlagen einer Fotografin in den Rücken wie Christopher Yoo, als er durch eigene Dummheit verloren hatte. Es gibt ja das Gerücht, das in der Schachwelt immer wieder gerne gestreut wird, daß Schach lehre, seine Emotionen im Griff zu behalten und mit Anstand zu verlieren. Quod erat demonstrandum. Niemand verliert gerne. Ich auch nicht.
Diese Seite will Schachspielerinnen hervorheben. Spielerinnen, welche gegen Männer nicht nur bestanden haben, sondern sich dabei durch besondere, nennen wir es: Leistungen hervorgetan haben. Die folgende Aufstellung ist unvollständig. Ich werde versuchen, nach und nach in die Vergangenheit zurückzugehen. Doch ich fange einfach hier an, im September 2025. Gerade erst hat sich Zhu Jiner für diese Webseite qualifiziert.
Die Zahlen in Klammern geben die ELO-Zahl zum Zeitpunkt des jeweiligen Events an.
»» Es gibt nur wenige Webseiten weltweit, die sich der Förderung von Schachfrauen verschrieben haben. Eine solche ist Women's Chess Coverage von On The Queenside. Dort gibt es auch eine wohl vollständige Liste aller Frauen, die jemals einen Supergroßmeister besiegt haben.
Wijk aan Zee, Januar 2026
Es gibt nur wenige Gelegenheiten für Frauen, an stark besetzten Männerturnieren, sogenannten Open oder Masters, mitwirken zu dürfen. Einen Männerplatz für eine Frau herzugeben, wo kämen wir da auch hin? Ein solches Turnier ist das traditionsreiche Tata Steel Chess Tournament in Wijk aan Zee an der zugig-kalten Nordseeküste der Niederlande. Es fand diesmal vom 16. Januar bis zum 1. Februar statt. Im A-Turnier waren bislang nur Judit Polgar – mehrfach, an ihr kam mann einfach nicht vorbei – und Ju Wenjun zugelassen. Während im Masters 2026 wieder einmal keine Frau eingeladen wurde, spielten im Challengers immerhin vier Frauen gegen zehn Männer um den begehrten Platz für das Masters des kommenden Jahres. Vier Frauen waren es auch im vergangenen Jahr, nämlich Vaishali Rameshbabu, Divya Deshmukh, Lu Miaoyi und Irina Bulmaga. Sie siegten zusammen fünf Mal gegen die Männerriege und landeten auf den hinteren Plätzen 9, 10, 12 und 14.
Zum ersten Ruhetag am 22. Januar läßt sich schon jetzt sagen, daß sich die diesmaligen Teilnehmerinnen Bibisara Assaubayeva (2497), Carissa Yip (2466), Lu Miaoyi (2431) und Eline Roebers (2398) in diesem Turnier nicht so leicht unterkriegen lassen. Nach einem Drittel des Turniers (fünf Runden) haben sie schon siebenmal gegen die zehn (mit einer Ausnahme) nach der ELO-Zahl wesentlich stärker eingestuften Männer gewonnen; das ist eine Siegquote von 35%! Sie haben zusammen zwar auch schon achtmal verloren, aber das war bei einer ELO-Differenz von durchschnittlich 124,6 Punkten pro Partie auch zu erwarten. Um den Turniersieg werden sie wohl nicht mitspielen, obwohl Carissa Yip mit dreieinhalb Punkten nur einen halben Punkt vom Führenden Aydın Süleymanlı (2628) entfernt ist.
Wir durften auf den weiteren Verlauf des Turniers gespannt sein. Doch leider bedeutete der erste Ruhetag eine einschneidende Zäsur. Womöglich hatten sich die Männer die jungen Frauen einfach nur besser ausgeguckt. Vielleicht spielte die Biologie eine Rolle. Aber es ist schon krass, wenn Lu Miaoyi ihre ersten beiden Partien gewinnt und anschließend aus den weiteren elf Partien nur noch anderthalb Punkte holen kann. So kam es zu einem doch eher typischen Ergebnis; in den weiteren zwanzig Partien siegten die Frauen nur noch dreimal gegen ihre männlichen Konkurrenten. Das ergibt zwar immer noch eine respektable Siegquote von 25% mit einem fünften Platz für Bibisara Assaubayeva und einen geteilten sechsten für Carissa Yip, aber irgendwie hätte ich jetzt mehr erwartet. Lu Miaoyi, die im Turnierverlauf schwächelte, und Eline Roebers, für die dieses Turnier einfach too much war, waren hier keine Hilfe. Immerhin gewann Bibisara Assaubayeva gleich am ersten Turniertag gegen den jungen Turniersieger Andy Woodward aus den USA. Sie erreichte zudem eine Performance von 2605, was exakt der ELO von Vasyl Ivanchuk entsprach, der Zweiter des Turniers wurde. Frauen können demnach punktuell in diesem Männersport durchaus mithalten.
Fide Grand Swiss, September 2025
Am 15. September 2025 ging im usbekischen Samarkand das elfrundige Qualifikationsturnier für das Kandidatinnen- und Kandidatentirnier im kommenden Jahr zu Ende, in dem der Herausforderer bzw. die Herausforderin um die WM-Krone ermittelt wird. Bei den Männern war der zweite Platz von Matthias Blübaum sicherlich eine Überraschung, während bei den Frauen Vaishali Rameshbabu ihren Erfolg von vor zwei Jahren wiederholte. Das soll hier aber nicht Thema sein.
Männerturniere werden häufig als Open bezeichnet, obwohl es meist Turniere sind, in denen Frauen schon viel Glück oder gute Beziehungen haben müssen, um dabei zu sein (ich wiederhole mich, aber das liegt am Aufbau dieser Seite). Was auch immer der Grund beim Grand Swiss gewesen sein mag, es waren zwei Frauen zugelassen, die Russin Aleksandra Goryachkina (2528) und die Inderin Divya Deshmukh (2478). Beide hatten sich schon für das Kandidatinnenturnier qualifiziert und konnten so die Gelegenheit nutzen, in einem hochklassigen Turnier gegen wesentlich stärkere Gegner unter Echtzeitbedingungen zu trainieren. In der Setzliste standen die beiden Frauen aufgrund ihrer ELO-Zahl ganz weit hinten; Goryachkina auf Platz 110, Divya auf Platz 115, von 116. Sie haben deshalb jeweils zwar nur einen Supergroßmeister zu Gesicht bekommen, und den dann auch nicht besiegt, aber ihre Performance war bei beiden trotz der Endplazierung 82 und 81 mit jeweils 2613 ziemlich gut. Fünf Punkte aus elf Partien sind auch nicht schlecht.
Das heißt: beide spielten auf dem Level von Spielern mit ELO 2600 oder besser. Goryachkina gewann gegen diese 2600er dreimal und verlor viermal und Divya gewann zwei Partien und verlor drei. Ansonsten Unentschieden. Das ist ziemlich bemerkenswert und zeigt, daß zumindest die in der Frauenweltrangliste weit vorne Stehenden komplett underrated sind. Die Spitzenfrauen spielen ein Schach, daß wesentlich besser ist, als ihre ELO am Frauen-Kätzchentisch aussagt. Oder anders gesagt: das ELO-System bevorzugt Männer und legitimiert so besagten Tisch.
Selbstredend haben die deutschen Videoheinis das Frauenturnier ignoriert. Männer ergötzen sich halt lieber an ihresgleichen. Und das Publikum erwartet das auch so. Anders Josefine Safarli. Sie zeigte aus jeder Runde des Frauenturniers eine Partie, wenn auch meist nur wegen der deutschen Farben mit Dinara Wagner. Aber wenn Frauen aus Prinzip ignoriert werden, wie sollen sie sich dann für Schach begeistern?
Zhu Jiner!
Zhu Jiner bei einem chinesisch-russischen Jugendfreundschaftsturnier in Harbin (Provinz Heilongjiang, China) am 4. November 2024. Sie spielte dort vier Schnellschach- und zehn Blitzpartien gegen Vladislav Artemiev (ELO 2701). Sie verlor alle ihre Schnellschach-Partien und erreichte beim Blitzen einen Sieg und ein Remis. Fotografin: Ekaterina Vasilchenko, Wikimedia Commons [online].
Vom 25. August bis zum 1. September 2025 fand am Golf von Oman die 1st Fujairah Global Chess Championship statt. Die Superstars spielten ihr eigenes Open mit 43 Männern und nur einer einzigen Frau, der 22-jährigen chinesischen Männer-Großmeisterin Zhu Jiner. Diese reiste mit der geringsten ELO-Zahl von 2536 an, während der an Nummer 1 gesetzte Nihal Sarin aus Indien mit 2692 ELO gelistet war. Mit seiner Spielstärke war er einfach eine Hausnummer zu groß für Zhu Ziner, und sie verlor (für mich erwartungsgemäß). Aber was für ein Turnier hat sie gespielt! Sie gewann drei Partien gegen Yurij Kozubov (2600), Alexander Motylev (2595) und Ivan Cheparinov (2625) und remisierte fünf Mal. Mit einer ELO-Performance von 2702 erreichte sie Platz 5 eines Turniers, das von sich behauptete, das stärkste Open aller Zeiten zu sein. Sie hätte durchaus zwei weitere Partien gewinnen können, schaffte es aber nicht, eine deutliche Gewinnstellung zu verwerten. Daran wird sie arbeiten müssen. Dann steht ihr der Weg in höhere Gefilde weit offen. Zudem wurde sie nun die Nummer 2 der Frauen-Schachwelt hinter der früheren Schachfrauenweltmeisterin Hou Yifan.
Tan Zhongyi!
Am 22. Mai 2025 besiegte die chinesische ehemalige Schachfrauenweltmeisterin Tan Zhongyi (2536) mit dem ungarisch-rumänischen Grenzgänger Richard Rapport (2722) einen Supergroßmeister. Sie führte dabei die schwarzen Steine und beendete das Tepe Sigeman Turnier in Malmö auf dem sechsten Platz. Sie war die einzige Frau neben sieben Männern, die alle eine ELO über 2600 hatten. Zudem besiegte sie Vasyl Ivanchuk (2644) und remisierte zweimal.
Tan Zhongyi vor ihrer Partie gegen Erwin L'Ami (ELO 2621), die remis endete. Fotograf: Mikael Svensson, https://www.tepesigemanchess.com/.
Tan Zhongyi wird mir in bleibender Erinnerung für ihre Performance beim Abschlußbankett nach dem von ihr gewonnene Kandidatinnenturnier in Toronto 2024 bleiben. Zur Belustigung des Publikums vor Ort wie im Stream weltweit wurden allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen ein paar trivia questions gestellt. Sie hörte sich die ihr zugedachte Frage [youtube video, min 5:18], ob sie die Zeit an ihren Ruhetagen während des Turniers zur Vorbereitung auf die nächste Gegnerin oder zum Relaxen genutzt habe, andächtig an. Ihr Gesichtsausdruck: folks, von was redet ihr da eigentlich? Und dann antwortete sie prägnant: „Sorry, I don't speak English.“ Die neben ihr sitzende Lei Tingjie wäre vor Lachen fast vom Stuhl gefallen. Hilarious! Eine Frau aus China weigert sich, die Sprache der westlichen Kolonisatoren zu lernen, und bringt die Arroganz der Wessis auf den Punkt. Jede und jeder wußte doch, daß sie alle Interviews nur mit Dolmetsch führt.
Kein Händeberühren und das Göttliche darin
Am 21. Januar 2025 erwartete Vaishali Rameshbabu beim Tata Steel Masters in Wijk aan Zee den usbekischen Großmeister Nodirbek Yoqubboyev (2659). Üblicherweise reichen sich die Spielerinnen und Spieler zur Begrüßung und nach Partieende die Hand. Diesmal geschah das nicht, denn Yoqubboyev blieb demonstrativ mit hängenden Armen vor der ihre rechte Hand ausstreckenden Vaishali stehen. Sein Glaube verbiete ihm, Frauen zu berühren, erklärte er später. Darauf ergoß sich ein shitstorm über ihn und er sah sich zu einer Entschuldigung und – als Geste des angeblichen Respekts – gezwungen, Blumen und Schokolade zu überreichen. Das Göttliche ist gerne eine Ausrede für Misogynie, nicht nur im Islam. Das erstreckt sich genauso auf das Judentum, die verschiedenen christlichen Sekten, den Buddhismus oder den Shintoismus. So ist es in Japan Frauen untersagt, den Lehmhaufen (dohyo) zu besteigen, auf dem die Sumoringer ihre Darbietungen vollbringen. Frauen gelten als unrein. Vaishali (2476) gewann die Partie. Hätte ich hier schon ein Ausrufezeichen setzen müssen?
Vermutlich hat Yoqubboyev das damit zum Ausdruck gebrachte göttliche Mißfallen nicht ausgereicht, um zur inneren Einkehr zu gelangen. Aber, wie wir aus der Bibel wissen, das Göttliche ist rachsüchtig und unerbittlich, genau wie die daran glaubenden Männer. Im November 2025 fand in Goa der Fide Weltpokal statt, an dem drei weitere Teilnehmer für das Kandidatenturnier zur Ermittlung des Herausforderers von Gukesh Dommaraju bestimmt wurden. Nodirbek Yoqubboyev (2689) kam ins Halbfinale … und verlor nach der dortigen Niederlage gegen seinen Landsmann Javochir Sindarov (2721) auch gegen Andrej Jesipenko (2693) im Endspiel um den dritten Kandidatenplatz am 24./25. November. Das ist Karma. Erst den davon Berührten ins Halbfinale lullen und ihn dann zweimal klar verlieren lassen. Nebenbei: natürlich gibt es weder Karma noch irgendein Göttliches. Aber die Vorstellung, hier habe der Junge seine gerechte Strafe vorgefunden, gefällt mir. Das Problem ist: die Jungs, die an den Quatsch glauben, lernen nichts daraus.
Alexandra Kosteniuk!
Am 14. Oktober 2024 besiegte die aus Rußland zur Schweiz gewechselte ehemalige Schachfrauenweltmeisterin Alexandra Kosteniuk (2480) beim WR Chess Masters Cup in London den usbekischen Supergroßmeister Nodirbek Abdusattorov (2783) mit den schwarzen Steinen. Das Turnier im KO-Modus verlief dennoch nicht gut für sie. Sie verlor die zweite Partie gegen den Usbeken und remisierte mit den weißen Steinen im Tiebreak, und schied damit aus.
Ju Wenjun!
In der fünften Runde des Tata Steel Masters am 18. Januar 2024 besiegte Schachfrauenweltmeisterin Ju Wenjun die damalige Nummer 6 der Männerweltrangliste Alireza Firouzja (2759). Der dachte wohl, die krasse Außenseiterin aus China (2549) sei eine leichte Beute, um sein Punktekonto in der Gesamtwertung aufzubessern, und spielte auf Sieg. Das ist nicht einfach Arroganz oder mangelnder Respekt einer Frau gegenüber, sondern Kalkül. Zweihundert ELO-Punkte Abstand, das sind auf diesem Niveau Welten. Diese Einladung zu einer offeneren und riskanteren Spielweise nahm Ju Wenjun dankend an und gab dem im französischen Exil lebenden gebürtigen Iraner eine Lehrstunde in einem wunderschön herausgearbeiteten Endspiel.
Ju Wenjun am 13. Januar 2024 vor ihrer (leider) verlorenen Partie gegen Anish Giri beim Tata Steel Masters. Fotograf: Frans Peeters, cc-BY SA 2.0.
Das gerne als Wimbledon des Chess bezeichnete hochklassig besetzte Turnier ist üblicherweise nur mit Supergroßmeistern bestückt. Ausnahmen waren 2024 mit Alexander Donchenko der Gewinners des Challengers vom Vorjahr und zwei Niederländer für das Veranstalterland; und eben die Frauenweltmeisterin. Ju Wenjun wurde übrigens geteilte Zehnte mit viereinhalb Punkten aus dreizehn Partien und remisierte sieben Mal.
Ähnlich wie Firouzja erging es Hans Niemann am selben Tag und Mustafa Yilmaz am Tag darauf im Challengers. Dazu gleich mehr.
Das war der vierte Supergroßmeister skalp, den sich die Weltmeisterin holte, Nummer fünf sollte noch im selben Jahr die große deutsche Hoffnung Vincent Keymer werden. Die bisherigen Erfolge gegen Richard Rapport (2716, 29. Januar 2015, Gibraltar), Yu Yangyi (2709, 15. Mai 2021, Xinghua), Vidit Gujrathi (2731, 18. Mai 2023, Sharjah), Firouzja und Keymer (2726, 30. April 2024, Malmö).
Eline Roebers!
„Die furchtlose Eline“ (2381), wie sie Josefine Heinemann (nunmehr Safarli) in ihrem Videopodcast nach einer Partie im selben Tuenier genannt hatte, startete mit vier Klatschen ins Turnier. Aber dann! In der fünften Partei stand sie gegen den Noch-nicht-Supergroßmeister und Führenden Hans Niemann (2692) auch schon schlechter da, als der frühere online cheater nicht den Weg fand, die Partie zu seinen Gunsten zu beenden. Und dann legte die zu diesem Zeitpunkt noch 17-jährige Eline los, brachte ihn nicht nur in Bedrängnis, sondern ließ ihm nicht den Hauch einer Chance. Dadurch beflügelt bezwang sie gleich am Tag darauf mit Mustafa Yilmaz (2665) einen weiteren ELO-mäßig wesentlich stärkeren Gegner. Um sich danach sieben weitere Klatschen abzuholen. Sie ist noch jung und lernt vielleicht noch, wie sie konsistent stärkere Gegnerinnen und vor allem Gegner drankriegen kann. Auch wenn ich irgendwie meine Zweifel hege. Es gibt ein sehr schönes Foto von Lennart Ootes, welches sie kampflustig zeigt. Wenn sie so auch spielt, wer weiß …
Josefine Safarli!
In einem Schnellschach-Onlineurnier besiegte Josefine (damals noch) Heinemann mit Hikaru Nakamura (2768) einen der besten gegenwärtigen Schachspieler, und zwar ziemlich eindrucksvoll. Dabei sah es lange nicht danach aus. Aber wie es manchmal kommt, wenn man eine Frau nicht ernst nimmt …
Am 16. Februar 2023 trafen die zum Geldverdienen angetretenen und zusammengewürfelten Mannschaften namens Gotham Knights und Berlin Bears gegeneinander an. Wobei Mannschaft nicht so ganz stimmt, denn jedes Team des als Pro Chess League vermarkteten Events mußte eine Frau mitspielen lassen. In der ersten Runde war es Josefine Heinemann (2336), die genauso wenig berlinisch war wie ihre Kollegen. Wir sehen, Namen sind Fake, aber sollen einen gewissen Bezugspunkt und Identifikationsfaktor generieren. Die Bären verloren mit sieben zu neun, aber das lag nicht an Josi. Aus vier Partien holte sie zwei Punkte.
„Denn wir wissen ja auch, in schlechten Stellungen sollte man versuchen, nicht sofort zu verlieren.“
Josefine Heinemann, Mai 2024
„Es ist immer ein wenig unglücklich gegen schwächere Spieler, denn auch die können manchmal ein bißchen rechnen.“
Josefine Heinemann in ihrer Partieanalyse.
Als Fünfte der Mädchen-Weltmeisterschaft U18 lag Josefine Heinemann noch einen ganzen Punkt vor der 2025 zum Männergroßmeister avancierten Bibisara Assaubayeva aus Kasachstan. Seither dümpelt sie um die 2300 ELO herum, mit einem peak von 2369. Hikaru Nakamura hingegen war einer der Wunderjungs, der schon im Alter von 15 Jahren Großmeister wurde. 2024 scheiterte er knapp im Kandidatenturnier, um den Weltmeister Ding Liren herausfordern zu können. Im Schnellschach und Blitzen gilt er als einer der Allerbesten. Ungleicher konnten die Voraussetzungen also nicht sein, als beide online aufeinander trafen. Und so kam es zunächst auch. Nakamura bedrängte Josefines König, in einer Stellung, bei der sie nur noch aufgeben konnte, aber er fand den Ausknipser nicht.
Als alles verloren schien, fand Josefine Zug um Zug den einzig richtigen Zug und ließ dann einen Freibauern zu einer zweiten Dame durchlaufen. Nakamura mußte sich geschlagen geben. Die Frau hat es, wenn es darauf ankommt, drauf; aber leider nicht konsistent.
Im Intro seiner Educational Speedrun-Serie gibt 光 nicht nur den Bert aus der Sesamstraße [youtube, Folge 1], sondern verkündet so ganz nebenbei:
„Beats you blindfolded, still sippin' latte.
Queens are flyin', egos meet defeat
just another speedrun on Hikaru Street.“
Und tatsächlich streamte er sorglos im Blindflug vor sich hin, nuckelte an seiner Latte, und sah dann seine Stellung auseinander bröseln. Wie sich das gehört, um seine community nicht zu verärgern, gratulierte er Josefine anschließend zur ihrem wirklich eindrucksvoll herausgespielten Sieg.
Josefine Safarli ist der/die einzige deutsche Video-Podcaster/in, der/die regelmäßig und zuverlässig Partien aus Frauen-Events, ja sogar mitunter aus Frauen-Sicht zeigt. Sie gehört damit zu den wenigen, die nicht nur von der Förderung der Schachfrauen reden, sondern dies auch tatsächlich tun. Dabei kommen auch so hübsche Äußerungen vor wie diese (Februar 2025):
„Weil wir am Wochenende schon so vielen Frauen beim Schachspielen zugeschaut haben, wollen wir damit heute einfach weitermachen.“
Oder diese (Juni 2025):
„Sie brauchte ein Remis oder einen Sieg für die GM-Norm, und wir schauen einfach mal in die Partie. Wir schauen aus schwarzer Sicht, weil wir natürlich Oliwia [Kiolbasa] unterstützen.“
Mit feiner Ironie wendete sie sich während des Kandidatinnen- und Kandidatenturniers in Toronto an ihr wohl fast ausschließlich männliches Publikum:
„Wir wollen heute mal wieder bei den Männern vorbei schauen, nicht dass sie sich irgendwie vernachlässigt fühlen hier.“
Sicher, Josefines Schachfrauenvideos sind eine Nische im Männeruniversum. Nicht einmal der Teamcaptain der Frauen des HSK kommt auf die Idee, daß seine Videos und sein ehrenamtliches Engagement zusammengehören. In seinen Videos kommen zu 98% Jungs und Männer vor, weil seine follower das auch gar nicht anders haben wollen. Die anderen zwei Prozent bestehen aus Partien von und mit Schachengines, nur ab und zu verirrt sich einmal eine Schachpartie mit einer Frau hierhin. Um seinen Monatsscheck nicht zu gefährden, paßt er sich der Männerduselei an und macht einfach mit. Jemand wie er ist mit daran beteiligt und dafür verantwortlich, wenn alles so bleibt wie es ist. Just saying.
Aleksandra Goryachkina!
Die 1998 geborene Aleksandra Goryachkina war schon als Mädchen und Jugendliche eine sehr erfolgreiche Schachspielerin. Von 2008 bis 2014 war sie fünfmal Weltmeisterin verschiedener Altersklassen. 2018 wurde sie Großmeister der Männer. 2020 spielte sie gegen Ju Wenjun um die Schachkrone der Frauen und verlor erst im Tiebreak.
Am 26. März 2019 besiegte sie (2504) bei der Europäischen Einzelmeisterschaft (European Individual Chess Championship) in Skopje (Nordmazedonien) – einem Männerturnier, bei der sich auch einige Frauen beteiligten –, den damaligen Supergroßmeister Rauf Məmmədov (2701) aus Aserbaidschan mit den weißen Steinen. Sie beendete das elfrundige Turnier mit sechseinhalb Punkten auf Platz 71, davon zweieinhalb Punkte gegen spielstärkere Männer. Gewertet wurden 358 Männer und Frauen, sie selbst war auf Rang 136 gesetzt. Sie war in dieser Meisterschaft somit im besten Fünftel zu finden.
Die 2010er Jahre waren von einer gewissen ELO-Inflation gekennzeichnet. Deshalb gab es in dieser Zeitspanne mehr Supergroßmeister als üblich. In der Weltrangliste vom Januar 2015 waren 45 Männer mit 2700 ELO oder mehr gelistet, Mitte der 2020er Jahre waren es nur noch 30 bis 35. Das bedeutete: Frauen konnten in offenen Turnieren häufiger als üblich auf einen Supergroßmeister treffen; aber den mußten sie auch dann erst noch besiegen. Goryachkina war die letzte Frau dieses Jahrzehnts, der das gelang.
Auch Josefine Heinemann nahm an besagtem Turnier in Skopje teil und holte immerhin fünf Punkte, davon anderthalb gegen spielstärkere Männer.
Antoaneta Stefanova!
Die Schachfrauenweltmeisterin von 2004 und Frauenschnellschachweltmeisterin von 2012 besiegte 2013 mit Radoslaw Wojtaszek und 2018 mit Wang Hao, beide Male in Gibraltar, zwei Supergroßmeister. Seit 2002 ist sie Schachmännergroßmeister.
Am 24. Januar 2013 gewann sie (2516) mit Weiß gegen den polnischen Supergroßmeister Radoslaw Wojtaszek (2723) beim Tradewise Gibraltar Chess Festival. Dies ist eines der wenigen stark besetzten Open gewesen, in denen die besten Schachspielerinnen zeigen durften und konnten, wozu sie gegen die Männerdominanz in der Lage waren. Nach der Partie gegen Wojtaszek wurde sie gegen den noch stärkeren Gata Kamsky (2740) angesetzt, und verlor. Sie verlor auch gegen den dritten Supergroßmeister Maxime Vachier-Lagrave (2711), beendete das Turnier aber als respektable Neunzehnte mit nur einem Punkt Rückstand auf den Turniersieger Nikita Vitiugov (2694, 8 Punkte aus zehn Partien). Wenn wir berücksichtigen, daß an diesem Turnier 22 Männer mit einer ELO von 2600 und mehr teilgenommen haben, dann war das Abschneiden der Frauen stark. Die Chinesin Zhao Xue (2554) wurde mit siebeneinhalb Punkten Dreizehnte, Stefanova Neunzehnte, Valentina Gunina aus Rußland (2490) Zwanzigste, die Ukrainerin Anna Muzychuk (2582, damals für Slowenien) Einundzwanzigste und Nana Dzagnidze aus Georgien (2555) Achtundzwanzigste. Auch hier zeigt sich: Frauen können auf einem 2600er Level mitspielen, wenn mann sie läßt.
Ihren zweiten Supergroßmeister besiegte Antoaneta Stefanova (nunmehr 2489) mit dem Chinesen Wang Hao (2711), auch diesmal mit den weißen Steinen. Insgesamt reichte es diesmal nur zu fünfeinhalb Punkten aus zehn Partien und zu Rang 102. Beste Frau des Turniers war die Schwedin Pia Cramling als Dreißigste und dabei nur einen Punkt hinter dem Turniersieger Levon Aronian. Das zeigt eine Leistungsdichte, bei der niemannd herausstach und Pia die Chance gab, mitzuhalten. Sie spielte gegen acht stärkere Großmeister und verlor im Alter von 54 Jahren (bei fünf Punkten gegen selbige) keine einzige Partie!
Antoaneta Stefanova (2533) bei ihrer Partie gegen Lin Yi (2403) beim HDBank-Turnier am 13. März 2017. Die Partie endete unentschieden. Fotograf: Phùng Đúc Anh, cc-BY SA 4.0, Quelle: Wikimedia Commons.
Antoaneta Stefanova zog im April 2021 für die neugegründete Partei ITN (übersetzt: Es gibt ein solches Volk) in das bulgarische Parlament ein. Nachdem die erstplazierte Partei keine Regierung bilden konnte, wurde Stefanova von ihrer zweitplazierten Partei als Ministerpräsidentin vorgeschlagen, mit der Maßgabe, den Regierungsauftrag umgehend zurückzugeben, da ITN ohnehin keine stabile Regierung werde bilden können.
Anmerkungen
Am Ende der angeklickten und eingefärbten Anmerkung geht es mit dem Return ( ⏎ ) zum Text zurück.
- Siehe hierzu Conrad Schormann : Gaffer, Grapscher, Vergewaltiger, auf seinem Blog Perlen vom Bodensee am 17. August 2023 online. The Big Greek : Großmeister schlägt Videofilmerin! Video vom 17. Oktober 2024 [youtube, min. 15:56]. Josefine Safarli: Polizeieinsatz bei der US-Meisterschaft?!Video vom 19. Oktober 2024 [youtube, min. 1:20]. ⏎