Der Dampfer „Darmstadt“ und die regelbasierte Weltordnung
Betrachtungen zur ziviliserten Welt
Das Entstehen der Kultur der sumerischen Stadtstaaten, des pharaonischen Ägypten, der chinesischen Schriftkultur oder der Maya-Pyramiden markiert so etwas wie einen zivilisatorischen Bruch zur vorherigen Steinzeit, die noch ohne eine hierarchische gesellschaftliche Ordnung auskam. Seitdem ist Gewalt, männliche Gewalt, ein bestimmender Grundton dessen, was diese Gesellschaften ausmacht. Es folgt ein Massenmord auf den anderen; zudem die Versklavung der eigenen Untertanen oder die der als fremd imaginierten Barbaren, die Unterwerfung der Frauen und die Ausbeutung von dem, was wir heute als „Natur“ bezeichnen. Eine gute Zivilisation bringt demnach nicht nur eine Hochkultur nach der anderen hervor, sondern auch den Abgrund der Menschlichkeit. Und wenn ich hier weite Regionen Afrikas, Asiens, Austronesiens und der Amerikas vergessen haben sollte – die kannten das auch. Der edle Wilde ist eine Kopfgeburt der westlichen Romantik.
Die bürgerliche Gesellschaft, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat, hat diese Kultur verfeinert. Die kapitalistischen Staaten Europas und die USA gingen auf koloniale Raubzüge rund um die Welt und kannten kein Pardon. Alle haben ihre Leichen im Keller und hinterließen ihre Blutspur auf allen Kontinenten. Britische und französische Kolonialarmeen konnten genausogut metzeln, vergewaltigen und plündern wie italienische, belgische, spanische oder US-amerikanische Expeditionscorps. Deutsche und Japaner standen hier in nichts nach. Oder alle zusammen, wie im Krieg gegen China 1900/01. Zivilisation ist eben das, was man anderen antut. Es ist die regelbasierte Weltordnung, die sich hier austobt, eine Ordnung, von der – ein absurder Treppenwitz der Geschichte – mit Annalena Baerbock ausgerechnet eine Frau schwärmt. Die einen stellen die Regeln auf und die anderen haben nach dieser Pfeife zu tanzen. Da ist nichts mit Firnis, einer dünnen Decke über der Zivilisation. Das ist liberale Autosuggestion. Es ist diese Gewalt, die als Firnis das Ganze zusammenhält.
Die regelbasierte Ordnung ist so gesehen der kreative Versuch, das bindende und mitunter für die eigenen Interessen lästige Völkerrecht zu umgehen.
Von dieser zivilisierten Ordnung lernen auch andere. Russische Truppen marodierten in Tschetschenien, wofür deren Oberbefehlshaber Wladimir Putin 2001 im Deutschen Bundestag seine verdiente standing ovation erhielt. Ein halbes Jahr später durfte der US-amerikanische Oberbefehlshaber George W. Bush an derselben Stelle für seinen Einsatz für die westlichen Wertte in Afghanistan und im Irak werben. Abu Ghraib und Guantanamo inklusive. Sie wußten ja, wie man (und hier auch frau) es macht; das hatten sie in Korea und Vietnam gelernt. Der paschtunische Hochzeitsgesellschaften liebende Drohnenkrieger Barack Obama folgte seinen Spuren und erhielt deshalb ganz im Sinne von George Orwells „1984“ den Friedensnobelpreis. Da dachten sich die Israelis, da wollen wir nicht zurückstehen, und verteidigen mit Terrorangriffen auf zivile Ziele die westliche Wertegemeinschaft. Ganz im Sinne von Annalena Baerbock und ihren grünen Kollegen, die hier die deutsche Staatsraison vorbildlich ausgeführt sehen. Wie recht sie haben. Und weite Teile der deutschen Linken geben den Clown und Claqueur.
Um nicht mißverstanden zu werden. Gewalt ist keine anthropologische Konstante, sondern eine soziale Errungenschaft. Menschen können durchaus auch anders miteinander umgehen. Aber die Verhältnisse, in denen sie eingebettet sind und die von herrschenden Interessen und deren Nutznießern bestimmt werden, die sind nicht so.
Die Städteklasse
Vor einhundertzwanzig Jahren legte in Wilhelmshaven ein Dampfschiff ab, das deutsche Truppen zu ihrem regelbasierten Einsatz nach Deutsch-Südwest bringen sollte. Die blöden Herero und Nama hatten es nämlich gewagt, die deutsche Staatsraison in Frage zu stellen. Und sie mußten dafür brutalstmöglich büßen. Das Deutsche Reich übte den Völkermord. Ohne das jetzt hier vertiefen zu wollen , soll nachfolgend ein Dampfschiff näher vorgestellt werden, das den deutschen Beitrag zur Zivilisation auszuloten half.
Das Schiff war auf den Namen der Stadt Darmstadt getauft worden; und da ich fast ein Vierteljahrhundert in dieser südhessischen Provinzmetropole gelebt habe, ist es nur passend, das ich auch Darmstadts Beitrag zum allgemeinen Massenmorden vorstelle, obwohl wahrscheinlich kaum einer der verschifften Soldaten aus Darmstadt kam. Doch der Truppenübungsplatz auf dem Griesheimer Sand war mit der Dampfstraßenbahn bequem erreichbar und diente der Einübung derselben Ziele und Methoden.
Zwischen 1889 und 1891 wurden im Auftrag des Norddeutschen Lloyd auf der Fairfield-Werft in Glasgow acht Schiffe gebaut, die als „Städte-Klasse“ bezeichnet wurden. Sie wurden nach den Residenzstädten Dresden, München, Carlsruhe, Stuttgart, Darmstadt, Gera, Oldenburg und Weimar benannt. Sie dienten als kombinierte Personen- und Frachtschiffe zwischen Europa und den USA, Südamerika, China und Australien. Teilweise wurden sie auch als Postschiffe eingesetzt. Sie alle wurden zwischen 1901 und 1911 nach England, Rußland, China und in die Türkei oder zum Abbruch verkauft. Das letzte Schiff dieser Klsse wurde 1930 abgewrackt.
Die „Darmstadt“ wurde am 26. November 1890 als fünftes Schiff ihrer Klasse abgeliefert. Die Jungfernreise ging nach Südamerika, es folgten Touren nach China und in die USA. 1895 ging es erstmals nach Australien. 1897/98 annektierte das Deutsche Reich das chinesische Tsingtao (Qingdao) und mit der „Darmstadt“ wurden umgehend 1200 Mann des II. Seebataillons dorthin verlegt. Während des Boxeraufstands wurde sie 1900 als Truppentransporter eingesetzt. Bis (mindestens) 1903 war sie zur Ablösung der in China stationierten deutschen Kolonialtruppen im Einsatz.
Willy Stöwer zeigte den Dampfer „Darmstadt“ mit einem Seebataillon Richtung China. Eine derartige Begeisterung für deutsche Kriegslüsternheit wäre den Pistoriussen und Strack-Zimmerfrauen heutzutage sehr willkommen. Quelle: Ansichtskarte von Grimme und Hempel, Leipzig-Schleußig.
Das Dampfschiff „Darmstadt“ bei der Abfahrt aus Wilhelmshaven. Quelle: Die Gartenlaube, Nr. 6, 1904.
Am Nachmittag des 21. Januar 1904 legte die „Darmstadt“ in Wilhelmshaven ab. Sie wurde zur Unterstützung eines anderen deutschen Massenmords nach Südwestafrika geschickt. Admiral von Bendemann wünschte der Expedition noch gute Fahrt, gutes Gelingen und frohe Heimkehr, bevor sie entschwand. Die Truppe bestand aus 26 Offizieren, vier Sanitätsoffizieren, zwei Zahlmeistern, einem Feuerwerker, zwei Botteliers und 699 Soldaten. Darunter waren zwei Offiziere und 60 Mann Freiwillige der Eisenbahnbrigade, um die Eisenbahnstracke vom Hafen Swakopmund nach Windhuk wieder instandzusetzen. Des weiteren wurden drei Offiziere, ein Sanitätsoffizier und 69 Soldaten als Ersatz-Landungskorps für die S.M.S. „Habicht“ mitgenommen. Die „Darmstadt“ erreichte Swakopmund am 9. Februar 1904.
Im März 1911 wurde die „Darmstadt“ an die türkische Regierung verkauft und hieß nun „Karadeniz“. Diese wurde 1923 abgewrackt.
Anmerkungen
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- Das Vökerrecht entstammt einer Vereinbarung der sich für zivilisert haltenden Nationen, als sie sich gegenseitig bekriegten, und wurde auf Druck der antikolonialen Dritten Welt ein wenig modifiziert. Sich darauf zu berufen, ist schwierig. Wir begeben uns damit auf das Territorium der Weltordner. Der Wikipedia-Artikel zur regelbasierten Ordnung beginnt ganz nüchtern mit den Worten: „Regelbasierte Ordnung“ (RBO, englisch rules-based order), auch ausgeschrieben „regelbasierte internationale Ordnung“ (RBIO, englisch rules-based international order) oder „regelbasierte Weltordnung“, steht seit 2008 vor allem in Staaten der westlichen Welt als Soft Law und politischer Begriff für Konzepte teils entgegengesetzter Auffassungen und ohne klare Definition. Das Verständnis des Begriffs hängt davon ab, wer ihn verwendet; die zugrundeliegenden Regeln und ihre Entstehung sind unklar. ⏎
- Der Zusammenhang von Zivilisation und Massenmord soll einer anderen Abhandlung vorbehalten sein, die ich bei Gelegenheit der Kakophonie des Internets hinzuzufügen gedenke. ⏎
- Die Geschichte der „Darmstadt“ orientiert sich am Wikipedia-Artikel zur Städte-Klasse und wurde ergänzt. Die Quellen des Wikipedia-Artikels wurden nicht überprüft. ⏎
- Mitteilung des Reichskanzlers von Bülow an den Reichstag vom 1. Februar 1904. in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, 11. Legislaturperiode, I. Session, erster Sessionsabschnitt 1903/1904, Zweiter Anlageband, Seite 950f., Aktenstück Nr. 205 [online bsb münchen]. – Das Bendemann-Zitat in der Darmstädter Zeitung vom 22. Januar 1904. ⏎