Koreanische Schrifttafeln.
Reflexionen über die Änderung der Welt
Walter Kuhl
Koreanische Schrifttafeln.
Koreanische Schrifttafeln aus Metall.
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Der Reichstag in Berlin.
Kanone in Edinburgh.
Kanone in Edinburgh.
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Arc de Triomphe.
Arc de Triomphe in Paris.

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Der Dampfer „Darmstadt“ und die regelbasierte Weltordnung

Betrachtungen zur ziviliserten Welt

Das Entstehen der Kultur der sumerischen Stadt­staaten, des pharaonischen Ägypten, der chinesischen Schrift­kultur oder der Maya-Pyramiden markiert so etwas wie einen zivilisato­rischen Bruch zur vorherigen Steinzeit, die noch ohne eine hierar­chische gesell­schaft­liche Ordnung auskam. Seitdem ist Gewalt, männliche Gewalt, ein bestim­mender Grundton dessen, was diese Gesell­schaften ausmacht. Es folgt ein Massen­mord auf den anderen; zudem die Verskla­vung der eigenen Untertanen oder die der als fremd imaginierten Barbaren, die Unter­werfung der Frauen und die Ausbeu­tung von dem, was wir heute als „Natur“ bezeichnen. Eine gute Zivili­sation bringt demnach nicht nur eine Hoch­kultur nach der anderen hervor, sondern auch den Abgrund der Mensch­lichkeit. Und wenn ich hier weite Regionen Afrikas, Asiens, Austro­nesiens und der Amerikas vergessen haben sollte – die kannten das auch. Der edle Wilde ist eine Kopf­geburt der westlichen Romantik.

Die bürgerliche Gesell­schaft, die sich im 19. Jahr­hundert heraus­gebildet hat, hat diese Kultur verfeinert. Die kapitalis­tischen Staaten Europas und die USA gingen auf koloniale Raubzüge rund um die Welt und kannten kein Pardon. Alle haben ihre Leichen im Keller und hinterließen ihre Blutspur auf allen Konti­nenten. Britische und französische Kolonial­armeen konnten genausogut metzeln, verge­waltigen und plündern wie italienische, belgische, spanische oder US-amerika­nische Expeditions­corps. Deutsche und Japaner standen hier in nichts nach. Oder alle zusammen, wie im Krieg gegen China 1900/01. Zivilisa­tion ist eben das, was man anderen antut. Es ist die regel­basierte Welt­ordnung, die sich hier austobt, eine Ordnung, von der – ein absurder Treppen­witz der Geschichte – mit Annalena Baerbock ausgerechnet eine Frau schwärmt. Die einen stellen die Regeln auf und die anderen haben nach dieser Pfeife zu tanzen. Da ist nichts mit Firnis, einer dünnen Decke über der Zivilisation. Das ist liberale Auto­suggestion. Es ist diese Gewalt, die als Firnis das Ganze zusammen­hält.

Die regel­basierte Ordnung ist so gesehen der kreative Versuch, das bindende und mitunter für die eigenen Interessen lästige Völker­recht zu umgehen. 

Von dieser zivilisierten Ordnung lernen auch andere. Russische Truppen marodierten in Tsche­tschenien, wofür deren Ober­befehls­haber Wladimir Putin 2001 im Deutschen Bundestag seine verdiente standing ovation erhielt. Ein halbes Jahr später durfte der US-amerikanische Ober­befehls­haber George W. Bush an derselben Stelle für seinen Einsatz für die westlichen Wertte in Afgha­nistan und im Irak werben. Abu Ghraib und Guantanamo inklusive. Sie wußten ja, wie man (und hier auch frau) es macht; das hatten sie in Korea und Vietnam gelernt. Der pasch­tunische Hochzeits­gesell­schaften liebende Drohnen­krieger Barack Obama folgte seinen Spuren und erhielt deshalb ganz im Sinne von George Orwells „1984“ den Friedens­nobel­preis. Da dachten sich die Israelis, da wollen wir nicht zurück­stehen, und verteidigen mit Terror­angriffen auf zivile Ziele die westliche Werte­gemein­schaft. Ganz im Sinne von Annalena Baerbock und ihren grünen Kollegen, die hier die deutsche Staats­raison vorbild­lich ausge­führt sehen. Wie recht sie haben. Und weite Teile der deutschen Linken geben den Clown und Claqueur.

Um nicht mißver­standen zu werden. Gewalt ist keine anthropo­logische Konstante, sondern eine soziale Errungen­schaft. Menschen können durchaus auch anders mitein­ander umgehen. Aber die Verhält­nisse, in denen sie eingebettet sind und die von herr­schenden Interessen und deren Nutz­nießern bestimmt werden, die sind nicht so.


Vor einhundert­zwanzig Jahren legte in Wilhelms­haven ein Dampf­schiff ab, das deutsche Truppen zu ihrem regel­basierten Einsatz nach Deutsch-Südwest bringen sollte. Die blöden Herero und Nama hatten es nämlich gewagt, die deutsche Staats­raison in Frage zu stellen. Und sie mußten dafür brutalst­möglich büßen. Das Deutsche Reich übte den Völker­mord. Ohne das jetzt hier vertiefen zu wollen , soll nach­folgend ein Dampf­schiff näher vorge­stellt werden, das den deutschen Beitrag zur Zivilisa­tion auszuloten half.

Das Schiff war auf den Namen der Stadt Darmstadt getauft worden; und da ich fast ein Viertel­jahr­hundert in dieser süd­hessischen Provinz­metropole gelebt habe, ist es nur passend, das ich auch Darmstadts Beitrag zum allgemeinen Massen­morden vorstelle, obwohl wahr­scheinlich kaum einer der verschifften Soldaten aus Darmstadt kam. Doch der Truppen­übungs­platz auf dem Gries­heimer Sand war mit der Dampf­straßen­bahn bequem erreichbar und diente der Einübung derselben Ziele und Methoden.

Zwischen 1889 und 1891 wurden im Auftrag des Nord­deutschen Lloyd auf der Fairfield-Werft in Glasgow acht Schiffe gebaut, die als „Städte-Klasse“ bezeichnet wurden. Sie wurden nach den Residenz­städten Dresden, München, Carlsruhe, Stuttgart, Darmstadt, Gera, Oldenburg und Weimar benannt. Sie dienten als kombinierte Personen- und Fracht­schiffe zwischen Europa und den USA, Südamerika, China und Australien. Teilweise wurden sie auch als Post­schiffe eingesetzt. Sie alle wurden zwischen 1901 und 1911 nach England, Rußland, China und in die Türkei oder zum Abbruch verkauft. Das letzte Schiff dieser Klsse wurde 1930 abgewrackt.

Die „Darmstadt“ wurde am 26. November 1890 als fünftes Schiff ihrer Klasse abgeliefert. Die Jung­fern­reise ging nach Südamerika, es folgten Touren nach China und in die USA. 1895 ging es erstmals nach Australien. 1897/98 annektierte das Deutsche Reich das chinesische Tsingtao (Qingdao) und mit der „Darmstadt“ wurden umgehend 1200 Mann des II. See­bataillons dorthin verlegt. Während des Boxer­aufstands wurde sie 1900 als Truppen­trans­porter eingesetzt. Bis (mindestens) 1903 war sie zur Ablösung der in China stationierten deutschen Kolonial­truppen im Einsatz. 

Dampfschiff.

Willy Stöwer zeigte den Dampfer „Darmstadt“ mit einem See­bataillon Richtung China. Eine derartige Begeis­terung für deutsche Kriegs­lüsternheit wäre den Pistoriussen und Strack-Zimmer­frauen heutzutage sehr will­kommen. Quelle: Ansichts­karte von Grimme und Hempel, Leipzig-Schleußig.

Dampfschiff.

Das Dampfschiff „Darmstadt“ bei der Abfahrt aus Wilhelms­haven. Quelle: Die Garten­laube, Nr. 6, 1904.

Am Nachmittag des 21. Januar 1904 legte die „Darmstadt“ in Wilhelms­haven ab. Sie wurde zur Unter­stützung eines anderen deutschen Massen­mords nach Süd­westafrika geschickt. Admiral von Bendemann wünschte der Expedition noch gute Fahrt, gutes Gelingen und frohe Heimkehr, bevor sie entschwand. Die Truppe bestand aus 26 Offizieren, vier Sanitäts­offizieren, zwei Zahl­meistern, einem Feuer­werker, zwei Botteliers und 699 Soldaten. Darunter waren zwei Offiziere und 60 Mann Freiwillige der Eisen­bahn­brigade, um die Eisenbahn­stracke vom Hafen Swakopmund nach Windhuk wieder instand­zusetzen. Des weiteren wurden drei Offiziere, ein Sanitäts­offizier und 69 Soldaten als Ersatz-Landungs­korps für die S.M.S. „Habicht“ mitge­nommen. Die „Darmstadt“ erreichte Swakop­mund am 9. Februar 1904. 

Im März 1911 wurde die „Darmstadt“ an die türkische Regierung verkauft und hieß nun „Karadeniz“. Diese wurde 1923 abgewrackt.

Anmerkungen

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  1. Das Vökerrecht entstammt einer Verein­barung der sich für zivilisert haltenden Nationen, als sie sich gegen­seitig bekriegten, und wurde auf Druck der anti­kolonialen Dritten Welt ein wenig modifiziert. Sich darauf zu berufen, ist schwierig. Wir begeben uns damit auf das Territorium der Welt­ordner. Der Wikipedia-Artikel zur regel­basierten Ordnung beginnt ganz nüchtern mit den Worten: „Regel­basierte Ordnung“ (RBO, englisch rules-based order), auch ausge­schrieben „regel­basierte inter­nationale Ordnung“ (RBIO, englisch rules-based inter­national order) oder „regel­basierte Welt­ordnung“, steht seit 2008 vor allem in Staaten der westlichen Welt als Soft Law und politischer Begriff für Konzepte teils entgegen­gesetzter Auffas­sungen und ohne klare Defini­tion. Das Ver­ständnis des Begriffs hängt davon ab, wer ihn verwendet; die zugrunde­liegenden Regeln und ihre Ent­stehung sind unklar.   
  2. Der Zusammen­hang von Zivilisation und Massen­mord soll einer anderen Abhandlung vorbehalten sein, die ich bei Gelegen­heit der Kakophonie des Internets hinzu­zufügen gedenke.   
  3. Die Geschichte der „Darmstadt“ orientiert sich am Wikipedia-Artikel zur Städte-Klasse und wurde ergänzt. Die Quellen des Wikipedia-Artikels wurden nicht überprüft.   
  4. Mitteilung des Reichs­kanzlers von Bülow an den Reichstag vom 1. Februar 1904. in: Steno­graphische Berichte über die Verhand­lungen des Reichs­tages, 11. Legislatur­periode, I. Session, erster Sessions­abschnitt 1903/1904, Zweiter Anlage­band, Seite 950f., Akten­stück Nr. 205 [online bsb münchen]. – Das Bendemann-Zitat in der Darmstädter Zeitung vom 22. Januar 1904.